Non Plus Bruegel

Non Plus Bruegel

Bruegel wird man so nicht wieder sehen. Er hat nicht nur die Landschaftsmalerei begründet, bäuerliches und christliches Leben treffen bei ihm einzigartig aufeinander.

Von Stefan Niederwieser

Einmal im Leben wird man diese Chance nur haben. Der Großteil der Gemälde ist hier und die Hälfte der Grafiken. Manche sind erstmals gereist, für eines musste sogar ein Gesetz geändert werden. Man kann vier Jahreszeiten nebeneinander sehen, eine fünfte hängt in New York, eine ist verschollen. Beide Versionen des Turmbaus zu Babel sind hier, erstmals seit Jahrhunderten nebeneinander. Frühe Werke, die stark an Hieronymus Bosch erinnern, sind hier, die Tolle Grete und der Triumph des Todes. Der Selbstmord Sauls wurde gereinigt, geputzt und restauriert. Zwei Affen und eine frühe Darstellung einer Seeschlacht bei Neapel konnten nach Wien gebracht werden. Nur Bruegels Tüchlein durften nicht mehr reisen, weil sie schon viel zu fragil sind.
Möglich war das, weil man viele Bilder genau untersucht hat. Man hat sie mit Röntgen, Infrarot und Reflektografie durchleuchtet, hat Farben rekonstruiert und den Untergrund. So erfahren die Leihgeber mehr über ihre Bilder, über Leisten und Leimungen, wo sie beschnitten und wo sie angestückelt wurden, damit sie damals in eine Sammlung passten. Ein einziges Bild Bruegels wurde niemals verkleinert, die Kreuztragung Christi hängt ganz ohne Rahmen in der Ausstellung. Von der Seite kann man sehen, wie dünn die Bretter sind, auf denen gemalt wurde, und von hinten die Maserung des Holzes und den alten Kitt. Bei vielen anderen Bildern wurde die Rückseite abgehobelt und parkettiert, um die Spannung im Holz auszugleichen. Hier aber nicht, die baltische Eiche wurde so genau verfugt, dass man erst jetzt ein weiteres Brett bemerkt hat, das sich ohne Riss an ein anderes Brett anschließt. Das beeindruckt, wäre aber hinfällig, wenn die Vorderseite nicht wäre.

Turmbau zu Babel, nach 1563? (c) Museum Bojimans van Beuningen/Fotostudio Tromp, Rotterdam


Bruegel versetzt die Kreuztragung ins zeitgenössische Flandern, nur Christus, Maria und ein kleine Gruppe von Trauernden tragen alte Kleider. Fast beiläufig fällt Christus im Mittelgrund unter dem Kreuz, die Hinrichtung ist ein Spektakel, die Menschen gaffen und geifern, sie trinken, essen und kennen kein Mitleid mit dem Messias. Ein Fels dominiert die Landschaft, dahinter rollen Hügel. Oft malt Bruegel solche idealtypischen Landschaften, in der Flüsse, Berge, Meere und flaches Land kombiniert werden. Sie zeigen die Vielfalt des Kontinents, sogenannte Weltlandschaften. Motive werden darin gestaffelt, um den Betrachter ins Bild hineinzuziehen und die räumliche Wirkung zu erhöhen. Das können Bäume sein, Schiffe, Heerscharen, Häuser oder auch Tiere, wie in der berühmten Herbstlandschaft. Niemals zuvor wären solch dicke Hintern gemalt worden, sagt ein Kommentator später über die Rinder. Noch öfter lässt Pieter Bruegel christliche Motive in ihnen verschwinden, die Flucht aus Ägypten, die Bekehrung des Paulus oder der Kindermord in Bethlehem.
Ganz extrem macht er das beim kleinen Turmbau zu Babel, also der Rotterdamer Fassung. Rechts unten kann man Kräne erkennen, mit denen Waren von den Schiffen geholt werden, links unten den Steinbruch, die roten Ziegelsteine und der weiße Kalk hinterlassen links an den Außenmauern Spuren, in der Bildmitte zieht eine Prozession unter einem roten Baldachin nach oben. Ein Geistlicher hält eine Monstranz, vielleicht wird hier König Nimrod, der Auftraggeber des Turms, begraben. Viele Details lassen sich mit freiem Auge kaum erkennen. Trotzdem wirken selbst die Wimmelbilder mit über 100 Personen nicht überladen, die Komposition ist stimmig. Und die Bilder der Jahreszeiten fangen nicht nur typische Tätigkeiten der Menschen ein – Ernte, Brotjause, Sense schärfen, die Herde heimtreiben, Jagd und Schlittschuhlaufen – sondern auch das Licht der Zeit.
Bruegel war einer der gefragtesten flämischen Künstler seiner Gegenwart. Das lag nun weniger an seinen Gemälden, die Adeligen vorbehalten waren, sondern an den Stichen, die man massenhaft verbreiten konnte. Im Lauf des Barock gerät Bruegel beinahe in Vergessenheit. Als 1720 die Sammlung der Habsburger neu gehängt wird, verschwindet alles außer dem Großen Turmbau im Depot. Auch die Zensur schlägt zu, die große weiße Schamkapsel eines Dudelsackspielers wird übermalt. Die beiden Pfeifen zeigen hoch ins Heu, wo sich eine Paar beim Liebesspiel versteckt hatte. Auf dem Infrarotbild kann man sie noch erkennen.
Über die Details der Versicherung einer solchen Schau, die die auf Kunstversicherungen spezialisierte Uniqa übernommen hat, wollte Direktorin Sabine Haag keine Details verlieren. Die Werke sind über 450 Jahre alt, und oft werden sie nicht mehr reisen. Kaum einmal war die Rede von einer absoluten Pflichtausstellung so wahr.

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