ORIGINAL?

ORIGINAL?

Lana Del Rey und Radiohead gehen vor Gericht. Sie soll geklaut haben. Was aber macht einen Song zu einem Original?

Von Stefan Niederwieser

Die Band akzeptiert nur, wenn sie wirklich alle Einnahmen bekommt. Dabei weiß sie, Lana, dass ihr Song nicht von ihnen inspiriert wurde. Trotzdem habe sie einen Kompromiss vorgeschlagen. Die Anwälte seien aber unerbittlich. Ein Tweet der Sängerin Lana Del Rey sorgte vergangene Woche für viel Aufregung. Und Fans waren sich sofort sicher, wer Recht hatte, sie konnten die Ähnlichkeiten eindeutig hören oder verwiesen auf die unbestreitbaren Unterschiede. Als sich dann herausstellte, dass Radiohead keine Klage eingereicht hatten und ihr Song vor Jahren bereits selbst Urheberrechte abtreten musste, war die Verwirrung perfekt. Was macht ein Original aus? Ab wann ist ein Song geklaut?

Lambada
Der Grieche Jean Georgakarakos und der Franzose Olivier Lorsac stiegen in den Achtzigern in ein Flugzeug, um in Südamerika nach Hits zu suchen. Damals war die Welt einfach. Sie entdeckten einen jungen Tanz namens Lambada, klauten sich den Song einer unbekannten Band, unterlegten ihn mit poppigen Elementen und machten ihn in Europa 1989 zum Hit des Sommers. Als Los Kjarkas bemerkten, was mit ihrem eigentlich traurigen Song und ihrer Panflötenmelodie geschehen war, reichten sie Klage ein. Man einigte sich. Erstaunlicherweise bekamen sie allerdings nicht alle Einnahmen, sondern nur die Hälfte. Allein deshalb ist es zweifelhaft, warum Radiohead nun hundert Prozent fordern sollten. Es passiert nur äußerst selten, dass jemand alle Rechte abgeben muss. Aber es ist vorgekommen. Eindeutige Regeln gibt es nicht. Und für manche gelten besondere Regeln. Vor allem, wenn man Rolling Stones heißt.
Ihr Manager Allen Klein hatte zugestimmt, dass die britische Band The Verve fünf Töne aus ihrem Song „The Last Time“ verwenden darf, wenn sie dafür die Hälfte ihrer Tantiemen abliefern. Als sich allerdings herausstellte, dass „Bitter Sweet Symphony“ zu einem massiven Hit wurde, behauptete der Manager, The Verve hätten deutlich mehr verwendet, als vereinbart war. Am Ende bekam er Recht, heute haben die Rolling Stones die vollständige Kontrolle über „Bitter Sweet Symphony“ und verdienen alleine daran. Und das, obwohl The Verve wichtige Änderungen vorgenommen hatten. Ihr Song war kein Cover, er hatte einen anderen Text. Aber das war egal. Vielleicht hatten The Verve auch einfach nicht alle Rechtsmittel ausgeschöpft.

Freiheit der Kunst
Der Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und Sabrina Setlur schwelt dagegen mittlerweile fast zwanzig Jahre. Es geht darin nicht um Melodien oder Akkordfolgen, sondern um ein paar wenige Sounds, mit denen „Nur Mir“ von Sabrina Setlur eingeleitet wird. Die Sounds stammen eindeutig von Kraftwerks „Metall auf Metall“, der Produzent hatte sie verwendet, ohne nachzufragen. Lange sah es so aus, als würden sich die deutschen Elektronik-Pioniere durchsetzen. Aber kürzlich entschied der Verfassungsgerichtshof anders. Für sie wog die künstlerische Freiheit schwerer. Auch wenn der Beat leicht nachgespielt werden oder man sich im Vorfeld auf eine Summe hätte einigen können, es muss möglich sein, im Sinne der Kunstfreiheit, solche Samples zu verwenden. Nun müssen wiederum andere Richter entscheiden, wie es damit weitergeht.

Millionen – Prozente
Auf eine Summe einigen, das scheint das oberste Prinzip zu sein, wenn es darum geht, über Original und Kopie zu entscheiden. Die Musikgeschichte ist voll von solchen Fällen. Die Doors hatten bei den Kinks abgekupfert, Led Zeppelin bei Muddy Waters, die Beach Boys bei Chuck Berry, Ray Parker für die Melodie der Ghostbusters bei Huey Lewis und selbst Johnny Cash hatte sich für seinen Folsom Prison Blues bei einem anderen Songschreiber bedient. Dass Nirvana für „Come As You Are“ nicht rechtskräftig verurteilt wurden, lag vor allem am frühen Tod von Kurt Cobain. Ed Sheeran hat bereits mehrfach anderen Musikern einen Teil der Tantiemen eingeräumt. Robin Thicke musste 7,4 Millionen Dollar zahlen, weil „Blurred Lines“ einem Song von Marvin Gaye zu sehr ähnelte. Für „Uptown Funk“ müssen Mark Ronson und Bruno Mars heute 17 Prozent der Einnahmen abtreten. Für „Stay With Me“ muss Sam Smith 12,5 Prozent den Erben von Tom Petty überlassen. Dieser Fall macht auch klar, dass es bei allen Fragen des Originals niemals um die Absicht geht. Sie ist nicht entscheidend. Sam Smith war sich sicher, den anderen Song nie gehört zu haben. Als Tom Petty noch lebte, meinte er, diese Dinge können passieren, meistens bemerkt jemand im Team rechtzeitig Ähnlichkeiten, bevor ein Song veröffentlicht wird, hier nicht. Man hat sich schnell geeinigt. Und darauf läuft es wohl auch im Fall Lana Del Rey vs Radiohead hinaus.
Auch in Österreich wurde schon mehrfach geklagt. Meistens wegen Lächerlichkeiten. So war der nicht für seinen Sinn für Selbstironie bekannte Peter Cornelius gar nicht amused, dass Thomas Stipsits einen seiner Songs im Programm „Bauernschach” adaptierte. Über Georg Kreisler sagte Verleger Oscar Bronner noch: „Vom Kreisler gibt es keine eigene Zeile. Der hat alles gestohlen.“ Die Makemakes wurden mehrfach beschuldigt, sich bei anderen Songs bedient zu haben. Und HC Strache sollte sogar vom Parlament ausgeliefert werden, weil Snow Patrol es gar nicht gut fanden, als einer ihrer Songs für dessen Wahlkampf umgetextet wurde. Klangkarussel wiederum hatten im engeren Sinn gar nichts Falsches gemacht. Dass ihr Überhit „Sonnentanz“  – immerhin Nummer drei der offiziellen britischen Charts – großteils auf fertigen Samples beruhte, hat ihnen aber sehr viel Spott eingebracht, sie könnten wohl nichts Eigenes produzieren.

Beide gewinnen
Ob ein Song ein Original ist, darüber entscheiden also nicht nur Gerichte, sondern auch die Beklagten selbst. Natürlich gibt es typische Akkordfolgen, auf denen sehr viele Songs beruhen, oder bestimmte Rhythmen. Je häufiger diese aber sind, desto unwahrscheinlicher, dass man am Ende Recht bekommt. Gerichte können also nicht grundsätzlich über Original und Plagiat entscheiden, sondern nur im Einzelfall. Und diese Einzelfälle werden häufig außergerichtlich geklärt. Lana Del Rey hat angeblich bis zu 40 Prozent der Einnahmen geboten. Warum die Sache überhaupt eskaliert ist, obwohl ihr Song nicht sonderlich prominent ist, darüber gibt es viele Spekulationen. Beide Seiten haben wohl mit rhetorischen Nebelgranaten geworfen, um die Angelegenheit medial hochzukochen. Und im Endeffekt gewinnen beide, man redet über ihre Songs, sie werden im Radio gespielt und gespielt und gespielt und gespielt und gespielt und gespielt.