Pflege, Pakte und ein großes Danke

Pflege, Pakte und ein großes Danke

Wie soll man richtig helfen, wie mit Hass im Netz umgehen und wie stark sind die Menschenrechte in Österreich verankert? Caritas-Präsident Michael Landau im Gespräch.

Interview: Stefan Niederwieser

Michael Landau übernahm bereits 1995 die Leitung der Caritas Wien und vor fünf Jahren schließlich wurde er zum Präsidenten der Caritas Österreich, der Hilfsorganisation der katholischen Kirche. Sie bietet zahlreiche Hilfs- und Notdienste an, betreut Obdachlose, Behinderte, Flüchtlinge und Menschen, die das nicht mehr selbst können. Michael Landau äußert sich immer wieder zur Tagespolitik, sein Credo lautet dabei: „So viel Zusammenarbeit wie möglich, so viel Kritik wie nötig.“ Dem bleibt er im Interview treu.

Karl Schwertner von der Caritas Wien, Manuel Rubey, Frau Violeta und Michael Landau präsentieren das „Gruft Winterpaket“, mit dem man einen Schlafsack und eine warme Mahlzeit spenden kann. (c) Stefanie J. Steindl

Heute vor 70 Jahren fand die Deklaration der Menschenrechte statt. Sind wir in Österreich bereit, diese voll zu respektieren und zu schützen?
Michael Landau: Der Geburtstag der Menschenrechte ist ein Feiertag für Österreich und Europa. Es gibt in Österreich eine gute und lange Tradition aufeinander zu schauen. Ich habe zugleich Sorge, dass das Klima und die Weise, wie wir von Menschen in verletzlichen Situationen sprechen, rauer geworden ist. Menschenrechte werden dort konkret, wo es um besonders verletzliche Gruppen geht. Ein wesentlicher Auftrag der Caritas ist es, auf die Menschen hinter den Zahlen hinzuweisen, Menschen mit einer Geschichte, einem Leben, einem Gesicht und ihren Erfahrungen, die ernst genommen werden sollen. Zum aktiven Einsatz für die Menschenrechte gehört für mich untrennbar, dass wir hier eine Aufmerksamkeit entwickeln und die gleiche Würde aller unterstreichen.

Warum kommen immer mehr Menschen, insbesondere mehr Frauen, in die Gruft?
Landau: Die Wirtschaft entwickelt sich positiv, die Arbeitslosenzahlen sinken, und es geht uns miteinander gut, das ist sehr erfreulich. Genau deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass es Menschen bei uns schlecht geht, wir dürfen uns mit der Not nicht abfinden. Der Zugang zu leistbarem Wohnraum, zu Heizen und Energie beschäftigt Menschen bis hinein in die Mitte unserer Gesellschaft. In die Gruft kommen nicht wenige Menschen, die ihre Wohnung nicht warm halten können. Beim Canisi-Bus haben wir vor zehn Jahren noch 62.000 Essen ausgegeben, heuer sind es 91.000. Auch in anderen Einrichtungen haben sich die Zahlen erhöht. Gleichzeitig sehen wir eine große Bereitschaft sich einzusetzen. Das macht mich grundsätzlich zuversichtlich.

Wie bereit sind die Österreicher, mit anderen zu teilen?
Landau: Ich habe den Eindruck, es gibt in Österreich eine guten Grundwasserspiegel der Nächstenliebe. Ich sehe das darin, wie viele Menschen freiwillig aktiv sind, alleine rund 50.000 Menschen engagieren sich in der Caritas freiwillig. Aber auch im Bereich der Geldspenden sehe ich diese Solidarität, denn 60 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher spenden. Ich möchte allen Menschen, die sich im Sinn von Nächstenliebe und Solidarität für andere aktiv einsetzen, wirklich Danke sagen. Das ist ein kostbarer Beitrag für ein gutes Miteinander im Land. Wir tragen als Menschen Verantwortung für uns selbst, aber wir tragen auch Verantwortung füreinander.

Sie haben immer wieder einen Pflegegipfel gefordert.
Landau: Ich freue mich, dass die Bundesregierung die Wichtigkeit des Themas Pflege erkannt hat. Sie plant, Modelle zu vergleichen, was ich für einen richtigen Ansatz halte. Zudem hat sie eine parlamentarische Enquete und Konsultationen mit den Ländern und Gemeinden angekündigt. Eine der Würde des Menschen angemessene Pflege braucht Planung und Sicherheit. Letztlich sind 1,4 Millionen Menschen betroffen, die selbst pflegebedürftig sind oder Angehörige pflegen. Hier ist es unbedingt erforderlich, leistbare Angebote sicherzustellen, dazu gehört eine Gesamtstrategie von Bund, Ländern und Gemeinden sowie eine Harmonisierung der Pflegesysteme. Es geht dabei nicht zuletzt um das Pflegegeld. Und wir müssen uns zudem der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege stellen.

Sie unterstützen sowohl UN-Flüchtlings- wie auch UN-Migrationspakt.
Landau: Globale Herausforderungen erfordern globale Lösungen. An der Ausarbeitung dieser Regelwerke hat sich Österreich in der Vergangenheit sehr engagiert, das ist international sehr gewürdigt worden. Wenn es darum geht, illegale Migration hintanzuhalten und legale Migration sicherer zu machen, ist es gut, weltweit zu denken. Nur mit der österreichischen Situation vor Augen sage ich, wir bräuchten diese Pakte nicht, denn bei uns sind alle wesentlichen Bestimmungen im Verfassungsrang. Aber es gibt weite Teile der Welt, wo es keine vergleichbaren Regelwerke gibt. Hier solche zu entwickeln, die Menschen ein Minimum an Schutz und Sicherheit gewährleisten, das ist etwas, dem sich eine Weltgesellschaft stellen sollte.

Wen schließen Sie in Ihre Gebete ein?
Landau: Ich erlebe, dass Menschen um das Gebet bitten. Für sie bete ich. Ich bete regelmäßig für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weil ich glaube, das ist etwas, das ich kann. Ich bete für meine verstorbenen Eltern, weil ich überzeugt bin, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern das Leben. Und ich bete für die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben.

Schreiben Sie ihre Tweets selbst? Und wie gehen Sie mit dem Hass um, der Ihnen dort mitunter entgegenschlägt?
Landau: Ja, die schreibe ich selbst. Mich beschäftigen hier zwei Fragen. Es gab immer schon Menschen, die solche Haltungen in sich getragen haben. Heute hängt am Stammtisch ein großes Mikrofon, das halte ich schon für etwas Heikles für eine Gesellschaft, die Respekt voreinander braucht, um gut zu leben. Auf der anderen Seite stimmt mich nachdenklich, wenn ich lese, dass eine große Zahl der Tweets zum UN-Migrationspakt von Bots abgesetzt wurden, um damit zu manipulieren. Hier müssen wir als Gesellschaft genau hinsehen, damit wir nicht den großen Manipulatoren auf den Leim gehen. Es geht aber auch darum, wie wir dahin zurückkommen, dass wir den Respekt und die Würde des anderen unangetastet lassen, auch wenn wir dessen Überzeugungen nicht teilen.

Wie hilft man richtig? Und was halten Sie von dem solidarischen Ansatz von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Not lindern und Hilfe zur Selbsthilfe anbieten wollte?
Landau: Ich glaube, der genetische Code der Caritas und die Überzeugungen von Friedrich Wilhelm Raiffeisen sind sehr gut kompatibel. Das Motto zum 200. Geburtstag „Was einer alleine nicht schafft, das vermögen viele“ versucht die Caritas mit dem Symbol „Wir>Ich“ deutlich zu machen. Menschen in Not wollen vor allem eines, sie wollen möglichst rasch wieder auf eigenen Beinen stehen. Und genau dabei unterstützen wir sie auch. Der Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe ist ein ganz wesentlicher. In Afrika habe ich Genossenschaften besucht, die wir gemeinsam mit den Verantwortlichen vor Ort aufbauen, weil wir sehen, dass die Idee zusammenzuarbeiten und auf die eigenen Kräfte zu setzen, sich selbstverständlich auch dort bewährt.

Was wünschen Sie sich für neue Jahr?
Landau: Wenn ich an Weihnachten denke, wünsche ich mir, neben dem Weihnachtsfrieden auch den sozialen Frieden in Österreich zu sichern. Die Wirtschaft entwickelt sich gut, deshalb dürfen wir uns nicht damit abfinden, dass es Einzelnen von uns schlecht geht. Hier ist mein Appell, dass Kinder- und Altersarmut in Österreich sinken müssen. Wir haben derzeit die Chance, das zu erreichen. Denn was hat Österreich groß gemacht? Die Bereitschaft zusammenzustehen und auf die Schwächsten nicht zu vergessen. Diesen Weg sollten wir weitergehen.

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