Plastik ohne Ende

Plastik ohne Ende

Ein Leben ohne Plastik ist heutzutage Illusion – die Auswirkungen der jahrzehntelang vorherrschenden Kunststoffflut unvorstellbar.

Von Hermann B. Hackl

Prognosen zufolge wird im Jahr 2050 mehr Plastik in den Weltmeeren schwimmen als Fische. Die Redewendung „wie Sand am Meer“ könnte dann ebenso in „wie Plastik im Meer“ lauten. Plastik ist mittlerweile bis in die entlegensten Teile der Erde vorgedrungen. Gefunden wurden Mikropartikel bereits auf Gletschern, hunderte Kilometer vom nächsten Ortszentrum entfernt. Sogar am tiefsten Punkt der Erde, dem Marianengraben, wurden bei einem Tauchgang in knapp elf Kilometer Tiefe bereits Plastikreste entdeckt.

Vor rund 70 Jahren wurden Kunststoffe zum Massenprodukt. Über acht Milliarden Tonnen sind seither produziert worden. Nach meist relativ kurzer Verwendung lagert der größte Teil, etwa 80 Prozent davon, auf Deponien oder in der Umwelt. Fast die Hälfte des verwendeten Plastiks ist Verpackung. „Von großer Bedeutung ist Mikroplastik, also all jene Kunststoff-Teilchen mit einem Durchmesser unter fünf Millimeter“, weiß Karl Kienzl, stellvertretender Geschäftsführer vom Umweltbundesamt. „Jene Plastikkügelchen werden industriell als Zusatz in Kosmetikprodukten bewusst verwendet, entstehen aber vor allem ungewollt durch Zerkleinerung, Abrieb oder Zersetzung größerer Plastikteile in der Umwelt“, erklärt der Biologe im Rahmen einer Podiums- und Publikumsdiskussion des Ökosozialen Forums.

Plastik ohne Ende

(c) adobe stock/aryfahmed

Plastik im Menschen

Erstmals wurde im Vorjahr auch Mikroplastik im menschlichen Körper nachgewiesen. Die Teilnehmer der Pilotstudie – fünf Frauen und drei Männer im Alter von 33 bis 65 Jahren aus Finnland, den Niederlanden, Großbritannien, Italien, Polen, Russland, Japan und Österreich – führten eine Woche lang ein Ernährungstagebuch und gaben anschließend eine Stuhlprobe ab. Die Experten des Umweltbundesamts analysierten im Labor den Stuhl der Teilnehmer hinsichtlich zehn der weltweit meist verbreiteten Kunststoffe. Bei allen acht Personen wurde Mikroplastik im Stuhl entdeckt. „Dabei konnten neun verschiedene Kunststoffarten nachgewiesen werden“, erklärt Maria Uhl vom Umweltbundesamt. „Zusammenhänge zwischen Ernährungsverhalten und einer Belastung mit Mikroplastik konnten aufgrund der geringen Anzahl der Probanden nicht sicher hergestellt werden.“ Auch die Auswirkungen der gefundenen Mikroplastikpartikel auf den menschlichen Organismus – insbesondere auf den Verdauungstrakt – könne erst im Rahmen einer größer angelegten Studie erforscht werden.

Die drei großen „R“

Gebot der Stunde hinsichtlich der weltweiten Plastiküberflutung sind die drei „R“ – Reduce, Re-use und Recycle – also reduzieren, wiederverwenden sowie aufbereiten und wiederverwerten zuvor benutzter Rohstoffe. Letzteres ist laut Vertretern des Umweltbundesamts aber auch mit „downcycling“ verbunden, das heißt, wieder aufbereitetes Material ist meist von geringerer Qualität als das Original.

Das Erste und Wichtigste sei Plastikvermeidung. „Die aktuelle Kunststoffproduktion in Europa von rund 65 Millionen Tonnen pro Jahr wird sich bis zum Jahr 2050 fast verdoppelt haben. Wenn wir all das mit biogenen Kunststoffen kompensieren wollen, dann haben wir ein Problem“, so Kienzl vom Umweltbundesamt. Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen sei zwar eine sinnvolle Ergänzung für die Herstellung, man müsse dabei aber auch die Grenzen die Bioökonomie sehen.

Auf die Frage nach Lösungsansätzen für die Plastik- und damit verbundene Umweltproblematik sieht Kienzl die Optimierung von Wertschöpfungskreisen als einen Teil der Antwort. Das EU-Kreislaufwirtschaftspaket und die Plastikstrategie zählen zu den großen Vorhaben von der linearen zur zirkulären Wirtschaft. Ziel ist es, die Umwelt zu schützen und Wiederverwendung, Reparatur und Recycling bereits im Design- und Herstellungsprozess zu berücksichtigen. Eingesetzte Rohstoffe sollen im Idealfall über den Lebenszyklus einer Ware hinaus wieder vollständig in den Produktionsprozess zurückgelangen.

Die Abfallwirtschaft spiele eine wichtige Rolle beim Recycling und somit bei der Gewinnung von Sekundärrohstoffen. Die kaskadische Nutzung, so wird Mehrfachnutzung bezeichnet, schont Rohstoffe. „Für die Schonung natürlicher Ressourcen haben vor allem geschlossene Stoffkreisläufe eine hohe Bedeutung“, bestätigt Julika Dittrich, stellvertretende Leiterin im EU-Umweltbüro des Umweltdachverbands in Wien, und nennt dabei das Beispiel „Fairphone“, welches mit dem Ziel auf den Markt gebracht wurde, nachhaltig, langlebig und umweltschonend, so weit wie möglich mit konfliktfreien Metallen hergestellt und leicht erweiterbar und aufrüstbar zu sein.

Ressourcensteuer „up“

Bezüglich Forderungen an die politischen Entscheidungsträger sind sich die Experten einig: Eine Ökologisierung des Steuersystems würde einen erheblichen Effekt bringen. „Ressourcen müssen stärker besteuert werden, das bedeutet aber auch, dass am Ende des Tages Produkte für die Konsumenten teurer werden – daher Ressourcensteuer ‚up’ und runter mit der Lohnsteuer“, fordert Dittrich. Kienzl pocht ebenso auf die Kostenwahrheit, also das Internalisieren externer Kosten – einem Zustand, in dem nach dem Verursachungsprinzip alle Kosten, die infolge des Tuns oder Unterlassens entstehen, von den Verursachern getragen werden, beispielsweise in Bezug auf Umwelt und Gesundheit. „Die Menschen sind schon zu viel mehr bereit, als die Politik sich traut zu beschließen“, so Kienzl. Clemens Gattringer vom Ökosozialen Forum sieht die Plastikproblematik als eine systematische, ähnlich dem Klimawandel: „Plastik gelangt nicht nur durch eine einzige Kausalkette ins Meer, wo jemand eine PET-Flasche mutwillig hin­einwirft, die Umstände sind weitaus komplexer.“ Ein wesentlicher Aspekt ist auf jeden Fall der Preis, fasst Kienzl zusammen: „Solang das Erdöl so billig ist wie jetzt, werden Alternativen nicht gut umsetzbar sein. Wir brauchen daher, wenn es um das Thema Kunststoff geht, ein Signal in Form von CO²-Steuern. Wir müssen umgehend in diese wirtschaftlichen Kreisläufe eingreifen, ansonsten wird das Mikroplastik nicht in den Griff zu bekommen sein.“

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