1818–1886

1818–1886: Eine neues Zeitalter

In Österreich begann die Industrialisierung zwischen 1800 und 1820. Sie brachte enorme Umwälzungen in der Wirtschaft und im sozialen Gefüge der damaligen k. u. k. Monarchie. Während die Größe des Wirtschaftsraums und der Rohstoffreichtum die Entwicklung förderten, wurde sie durch die geringe Kaufkraft der Bevölkerung, nationalistische Boykotte und die rohstofforientierte Exportwirtschaft gehemmt.

Harte Zeiten – Bauernbefreiung und Landwirtschaftskrise

geschichte_1818_text1Im Revolutionsjahr 1848 erschien das Gesetz über die Grundentlastung. Dadurch wurden die Bauern in Österreich frei von den letzten Verpflichtungen gegenüber ihren Grundherren.
Die freien Bauern standen aber nun unter dem Druck der Märkte, besonders in den österreichischen Ländern. Hier führten billigere landwirtschaftliche Produkte aus Böhmen und Ungarn und internationale Importe zu einem starken Preisverfall. 1870 stürzte der Getreidepreis um 80 Prozent.

Eine rasch steigende Verschuldung der Bauernwirtschaften begann, die sich bis zur Jahrhundertwende fortsetzte. Pro Jahr wurden zwischen 5.000 und 10.000 Höfe verschuldeter Bauern zwangsversteigert.
Es war für die Bauern damals fast unmöglich, günstige Kredite zur Deckung des laufenden Kapitalbedarfs, etwa für Saatgut und Betriebsmittel, Reparaturen und Ähnliches, zu bekommen. Der Wucher blühte. In Deutschland war die Situation ähnlich.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen und seine Idee

geschichte_1818_text2Friedrich Wilhelm Raiffeisen war ein deutscher Sozialreformer, dem die Lösung dieses Problems ein wichtiges Anliegen war. 
Raiffeisen wurde 1818 geboren – übrigens im gleichen Jahr und in der gleichen Gegend wie Karl Marx. Raiffeisen lebte bis 1888. 
Als Bürgermeister einer Gemeinde im Westerwald wurde Raiffeisen täglich mit der Not der Bauern, Arbeiter und Handwerker konfrontiert.
Nach mehreren wenig erfolgreichen karitativen Ansätzen gewann er die Überzeugung, dass nur Hilfe zur Selbsthilfe die Probleme der Menschen lösen konnte.
Nach einem von Raiffeisen entwickelten Modell bildeten die Landwirte Genossenschaften, die nicht auf Gewinn, sondern auf Förderung ihrer Mitglieder ausgerichtet waren. 
Die Spareinlagen der Mitglieder in den sogenannten Darlehenskassenvereinen konnten in Form von günstigen, langfristigen Darlehen wieder an Mitglieder abgegeben werden.
 Für viele eröffnete sich damit erstmals die Möglichkeit, Geld für Investitionen oder die Überbrückung von Dürrejahren aufzunehmen.
Nächster Schritt war der gemeinsame Einkauf von Betriebsmitteln wie Saatgut und die gemeinsame Lagerung und der gemeinsame Verkauf von Agrarerzeugnissen. Dadurch musste man nicht in Zeiten von Überangeboten zu Schleuderpreisen verkaufen und konnte warten, bis die Preise günstiger waren.