Rauch Zeichen

Rauch Zeichen

Räuchern ist so alt wie das Feuer. Der Brauch erlebt gerade jetzt eine Renaissance – wie Phoenix aus der Asche.

Von Ulrike Schöflinger

(c) istockphoto.com/narvikk

Naht die Weihnachtszeit mit ihren Raunächten, steigt der Rauch von Myrrhe, Weihrauch oder Tannennadeln verstärkt auf. Räuchern erlebt in unserem Kulturkreis eine Renaissance. Von Vorarlberg bis ins Burgenland, vom Orient bis zum Okzident – das Räuchern hat nicht nur eine uralte Tradition, es wird auch auf der ganzen Welt praktiziert.

Was aber passiert beim Räuchern? „Räuchern ist so alt wie das Feuer“, sagt Räucherexpertin Anne Marie Bär aus dem Bregenzerwald. „Man legt einfach aromatische Pflanzenteile, Blüten, Wurzeln, Blätter, Harze auf die Glut, auf Kohle oder das Räuchersieb. Durch die Wärme werden die eingelagerten Duftmoleküle freigesetzt und steigen mit dem Rauch in die Luft.“ Über unseren Geruchssinn nehmen wir die Moleküle auf. So wird der Geruch schnell ins limbische System geleitet. Dort haben vor allem Emotionen und Triebe ihr Zentrum. Dadurch wirkt Räuchern sehr intensiv. „Je nachdem welcher Pflanzenstoff gewählt wurde, wirkt das beruhigend, konzentrationsfördernd, heilsam, krankheitsabwehrend und schützend“, weiß die pflanzenkundige Frau, die sich schon seit ihrer Kindheit mit der Wirkung von Kräutern beschäftigt.
Seit Jahrtausenden finden in der dunklen Zeit auf der nördlichen Halbkugel Feuerrituale statt. „Im Winter“, so Anne Marie Bär, „haben die Menschen auf das Licht gewartet, auf die Wintersonnwende, auf dass die Tage wieder länger werden. In dieser Zeit hat man sich mit dem Räuchern vor bösen Geistern und dunklen Mächten geschützt. Die Wintersonnwende leitet die Raunächte ein. Das sind Weihnachten, Neujahr und der Dreikönigstag.“ An diesen speziellen Tagen werden mit Räucherungen Haus und Hof gereinigt. Im Bregenzerwald wird diese Tradition zu Heiligabend gepflegt. Die Glut wird schlicht in einer blechernen Kehrschaufel oder einer alten Pfanne mit Räucherwerk bestreut und im ganzen Haus, dem Stall, dem Garten, den Lager- und Wirtschaftsräumen verräuchert. Die ganze Familie nimmt üblicherweise an dem Ritual teil. Die kleine Prozession ist begleitet von Weihwasserverspritzen und Gebet.
„Wichtige Dinge verschwinden nicht. Sie schlummern scheinbar in der Tiefe. Doch wenn ihre Zeit wieder gekommen ist, erwachen sie und erscheinen wie neu. So ist es mit dem Räuchern“, zitiert Bär die Buchautorin Susanne Rizzi aus dem Praxislehrbuch für Heilpflanzenkunde. Gerade in den hektischen Tagen vor Weihnachten könne man mit beruhigenden Pflanzen eine entspannte, heimelige Atmosphäre schaffen. Fichten- oder Tannennadeln auf einer Alufolie ausbreiten und auf eine Hitzequelle legen, sorgt für eine schöne Stimmung. Wer es intensiver möchte, kann die Nadeln über einer Kerze mit einem Sieb verbrennen. Die Harze von Fichte oder Zirbe sollten allerdings mindestens drei Jahre getrocknet werden. So sei die Zubereitung – vom Sammeln über das Trocknen bis zum Mischen – des Räucherwerks schon eine entschleunigende Angelegenheit.

Der Atem des Drachen
Früher konnten sich nur die Adeligen und der Klerus den Weihrauch und die edlen Räucherwaren aus dem Fernen Osten leisten. Das gewöhnliche Volk musste mit dem Harz der heimischen Nadelhölzer vorliebnehmen, welches es zur Veredelung in Ameisenhügel legte. Nur in kriegerischen und schwierigen Zeiten griff die Kirche auf das bewährte Rezept der einfachen Leute zurück. Weihrauch ist von jeher ein obligater Bestandteil kirchlicher Riten. Er symbolisiert die Gegenwart Gottes und ist Zeichen der Reinigung. Aber nicht nur im Christentum hat Räuchern einen festen Platz. Räucherrituale begleiten auch die Koh-Do-Zeremonie in Japan.
Der „Weg des Räucherns“, wie die Kunst des Koh-Do auch genannt wird, ist eine Form des Zens. Sich meditativ mit Hilfe des Geruchs im Hier und Jetzt zu versenken und nach Erleuchtung zu streben ist die Basis. Dabei gilt es die Koh-Tugenden zu beachten – wie die Verbindung zum Transzendenten, Reinigung von Körper, Geist und Seele, Achtsamkeit fördern. Verbrannt werden Aromahölzer wie Jinkoh (Adlerholz) oder Sandelholz. Zur Zeremonie gehört etliches Zubehör, das im genauen und langsam durchgeführten Ablauf minutiös eingesetzt wird. In den meisten Koh-Do-Erfahrungen geht es darum, sich mit aller Disziplin auf den Augenblick zu konzentrieren. Kundige Kulturanthropologen nennen das Koh-Do-Räucherritual den „Atem des Drachen“, der hilft, die Wachheit des Geistes zu schulen.

Wissen vom Leben
In der ayurvedischen – also einer traditionellen, indischen Lehre – wird Räuchern zur Reinigung der Atmosphäre eingesetzt. Wobei hier nicht nur die Lufthülle gemeint ist, sondern vor allem die feinstoffliche Atmosphäre. Die Zeremonie beruht auf dem Biorhythmus von Sonnenauf- und Untergang. Neben den anderen Hauptbestandteilen der Lehre vom „Wissen vom Leben“ wie Ernährungslehre, Massagen und Pflanzenheilkunde nimmt das Räuchern seinen festen Platz ein. Beim Agnihotra, so der Name des ayurvedischen Räucherrituals, wird Feuer in einem pyramidenförmigen Behälter aus Kupfer entfacht. Kuhdung und Naturreis dienen als Brenn- und Räuchermittel. Daneben verbrennen die Zeremonienmeister auch Zitronengras, Ghee (reines Öl der Butter von Kühen), Ingwer, Koriander oder Nelke, um nur ein paar zu nennen. Ziel des Agnihortas ist es, die Stimmung zu heben und unser Handeln positiv zu beeinflussen. In den Überlieferungen der Veden heißt es: „Heile die Atmosphäre und die Atmosphäre heilt dich.“

Fumo siccare
Seit dem Altertum gilt Weihrauch als edelstes aller Räuchermittel. An den Küsten der arabischen Halbinsel und Ägyptens gewonnen, wird das Harz der kleinen Boswelliabäume abgezapft und sorgfältig getrocknet. Die Weihrauchstraße hat ihren Namen dem kostbaren Handelsgut zu verdanken. Von dort trat der Weihrauch seinen Siegeszug in die Welt an. Auf allen Kontinenten gibt es Räucherrituale, viele Kulturen wie die indigenen Völker Nord- und Südamerikas, die Buddhisten und Hinduisten verwenden Räucherwerk. Mal dient es der Reinigung, mal der Versinnbildlichung oder ist Opfergabe. Bei uns löst der Geruch von Weihrauch, Myrrhe, Speik, Gewürznelke, Zimt und Tannennadeln weihnachtliche Gefühle und Vorfreude auf die besinnliche Zeit aus.