Reform­stau bei Altersvorsorge

Reform­stau bei Alters­vorsorge

Österreich setzt bei der Altersvorsorge zu sehr auf die erste staatliche Säule, kritisieren Experten. Valida-Vorstandsvorsitzender Martin Sardelic hofft auf neuen Reform­schwung nach den National­ratswahlen.

Von Christian Lovrinovic

Das österreichische System der Altersvorsorge mit seinen drei Säulen hinkt den internationalen Entwicklungen hinterher. Es konzentriere sich zu sehr auf die erste staatliche Säule, vernachlässige die beiden anderen, war der Tenor von Experten anlässlich des vierten „Institutionellen Altersvorsorge- und Investorengipfels“ in Wien. Sie sehen in erster Linie die Politik gefordert, wesentliche Stellschrauben im System zu drehen und so die Rahmenbedingungen insgesamt zu verbessern, um vor allem die zweite Säule, die betriebliche Vorsorge, zu stärken, die ein geeignetes und effizientes Mittel sei, um die Altersvorsorge zu verbreitern, hieß es bei der Pressekonferenz im Vorfeld der Veranstaltung. „Es herrscht eine Menge Panik, was mit den Pensionen passiert. Die beiden Extreme sind einerseits, dass die Demografie keine Bedrohung sei, und andererseits, dass das Pensionssystem eigentlich zur Armutsverwaltung schrumpfe. Beides ist falsch“, sagt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik. Die zunehmende Alterung der Gesellschaft sei ein sehr langsamer Prozess und koste volkswirtschaftlich jährlich ein halbes Prozent Wachstum. Da bleibe noch immer etwas übrig. Es sei eben für viele schwer zu verstehen, dass die Alterung nicht aus der Substanz, sondern aus künftigem Wachstum zu bezahlen sei. Pensionen würden nicht mehr so schnell wachsen wie in der Vergangenheit, „aber sie wachsen immer noch“,  stellt Börsch-Supan klar. Langfristig sei das größte Problem die steigende Lebenserwartung, daher werde man um eine Anpassung der Lebensarbeitszeit nicht herumkommen, denn dass der Zuwachs an Lebenszeit 1:1 nicht ins Pensionsalter gehen könne, liege auf der Hand, meint der deutsche Experte.

Die Experten: Gerald Loacker, Thomas Wondrak, Axel Börsch-Supan und Martin Sardelic mit PR-Dame Karin Keglevich-Lauringer

Die Experten: Gerald Loacker, Thomas Wondrak, Axel Börsch-Supan und Martin Sardelic mit PR-Dame Karin Keglevich-Lauringer (c) Sabine Klimpt

Absurd findet Börsch-Supan weit verbreitete Vorstellung über eine drastische Abnahme der Leistungsfähigkeit und Produktivität älterer Menschen. „Aus der Gelassenheit kann man sehr viel besser Politik machen als mit Panik“, so der Experte. Das wichtigste Argument für ein kapitalgedecktes System sei nicht, dass man aus einer mittleren Vermögenslage her superreich werde, sondern dass die Kapital-
deckung der einzige Mechanismus sei, mit dem man fürs Alter vorsorgen könne, ohne künftige Generationen zu belasten. „Alles andere geht auf Kosten der Kinder.“ Der effizienteste Weg seien Betriebsrenten, wenn man in die Breite gehen wolle. Selbst Deutschland, dass eine Abdeckung der Betriebsrenten von rund 55 Prozent habe, hinke den Niederlanden oder Großbritannien mit einer Abdeckung von etwa 85 Prozent hinterher. Da habe Österreich mit rund 15 Prozent noch „viel Luft nach oben“.

„Schemel auf einem Bein“

„Wir reden schon über viele Jahrzehnte über Lösungsansätze, und letztendlich ist uns noch nicht viel gelungen, das Problem zu lösen“, kritisiert Martin Sardelic, Vorstandsvorsitzender der Valida Holding, die politische Debatte um die Altersvorsorge in Österreich. Dabei blicken die Österreicher mit wenig Zuversicht in die eigene Pensionszukunft. 68 Prozent der Männer und sogar 79 Prozent der Frauen sind laut einer Umfrage im Auftrag der Valida überzeugt, dass sie im Alter allein von der staatlichen Pension nicht gut leben werden können. Frauen erwarten eine zukünftige Pensionshöhe von rund 935 Euro pro Monat, Männer 1.334 Euro. Das seien durchaus realistische Annahmen, so Sardelic. Es herrsche zwar keine Panik, aber die Betroffenen merken schon, dass nicht alles so läuft, wie man es sich wünschen würde. Die zweite und dritte Säule des Pensionssystems führe hierzulande ein absolutes Schattendasein. „Wir haben einen Schemel mit nur einem Bein“, so Sardelic. Allerdings stehe ein Schemel auf drei Beinen. „Wir sind, was betriebliche Vorsorge angeht, eine Art Entwicklungsland geblieben. Das ist schade und das haben wir nicht notwendig“, konstatiert der Valida-Vorsitzende. Es brauche daher ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass die betriebliche Altersvorsorge ein kostengünstiges und effizientes Instrument für jeden sei, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Interessanterweise falle das Thema Risikostreuung in der Debatte unter den Tisch. Es werde immer fingiert, dass es in der staatlichen Pensionssäule kein Risiko gäbe und dabei Dinge wie Beschäftigung, Demografie und Eingriffe in den fiktiven Generationenvertrag außer Acht gelassen würden. „Jede der Säulen hat ihre Berechtigung und Risiken. Und es ist absolut sinnvoll, Risiken zu streuen“, so Sardelic, der hofft, dass die neue Bundesregierung nach den Nationalratswahlen dem Thema ein stärkeres Augenmerk schenken wird.

Einseitige Ausrichtung

Auch Thomas Wondrak, Geschäftsführer von konsequent-wondrak-betriebliche Altersvorsorge, sieht einigen Reformstau im österreichischen Drei-Säulen-Modell. „Solange in Österreich weiterhin 90 Prozent der Pensionen von der staatlichen ersten Säule getragen werden, nur 4 Prozent von der zweiten und 6 Prozent von der dritten Säule, ist die Stabilität des Pensionssystems gefährdet. Im Vergleich dazu: In Frankreich beträgt das Verhältnis der drei Säulen 51 zu 34 zu 15, in den Niederlanden 50 zu 40 zu 10 und im Nachbarland Schweiz 42 zu 32 zu 26. Es sei daher ein Muss, über die Finanzierung der Pensionen sachlich fundiert zu diskutieren und neue Wege aufzuzeigen, um auch Österreich eine stabile Pensionszukunft zu sichern. Gerald Loacker, Nationalratsabgeordneter und Sozialsprecher der Neos, plädiert für eine Stärkung der privaten Altersvorsorge in Österreich: „Da die betriebliche und private Pensionsvorsorge kaum bis gar nicht gefördert werden, lässt man den Österreichern kaum Entscheidung beziehungsweise Wahlfreiheit und gesteht ihnen damit auch keine größere Eigenständigkeit zu, obgleich die Leistungskraft der ersten Säule immer weiter zurückgeht.“ Prognosen zeigten, dass bis zum Jahr 2060 die Einkommensersatzrate der Pension um ein Viertel sinken werde. Zwischen 2008 und 2017 sei die Lebenserwartung in Österreich um 1,5 Jahre gestiegen, während im gleichen Zeitraum die neuen Pensionisten im Schnitt mit einem Beitragsmonat mehr in Ruhestand gingen. „Das wird sich auf Dauer nicht ausgehen“, schloss Loacker.

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