Rotes Zion

Rotes Zion

Das Jüdische Museum zeichnet die oft wechselhafte Geschichte von Juden, Sowjetunion und Österreich nach.

Von Stefan Niederwieser

Nicht alle Juden waren Kommunisten, aber viele Kommunisten waren Juden. Weil sich heuer die Oktoberrevolution zum hundertsten Mal jährt, hat das Jüdische Museum die vielseitigen Wechselbeziehungen von Österreich, der Sowjetunion und der jüdischen Bevölkerung aufgearbeitet. Das beginnt bei den zahlreichen kommunistischen Vordenkern wie Mark Marx, Ferdinand Lasalle, Rosa Luxemburg, Viktor Adler oder Leo Trotzki. Letzterer lebte von 1907 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Wien und gab von hier aus die Zeitung Prawda in russischer Sprache heraus, die über Galizien oder das Schwarze Meer nach Russland geschmuggelt wurde. Er tauschte sich mit zahlreichen österreichischen Sozialdemokraten aus, bevorzugt im Café Central. Viktor Adler revanchierte sich, er lieh ihm 300 Kronen für seine überhastete Flucht aus Österreich.
Die Ausstellung im Jüdischen Museum versucht der Geschichte in ihrer ganzen Komplexität gerecht zu werden. Propaganda und Hetze werden in den Räumen ebenso gezeigt wie auch Karikaturen, Filmausschnitte, Büsten und Biografien. Im Grunde waren viele Juden von Anfang an begeistert von der Revolution in Russland, die sich für die Gleichstellung aller Menschen einsetzte und für eine gerechte Welt. Damit war auch die Hoffnung verbunden, dass in dem ehemaligen Zarenreich mit einer der größten jüdischen Gemeinden weltweit Verfolgung und Pogrome aufhören würden. Religion sollte im Kommunismus eine untergeordnete Rolle spielen. Die jüdische Organisation Der Bund war vor der Oktoberrevolution deshalb sogar die größte kommunistische Partei in Russland. In Wien wiederum wurde die Fahne der blutjungen Republik 1918 vor dem Parlament von der Stange geholt und in einem Revolutiönchen der weiße Streifen entfernt. Schnell waren deshalb Verschwörungstheorien von der jüdischen Weltrevolution im Umlauf. Die Nationalsozialisten haben diese weiter getrieben und “den Juden” gleich ganz die Schuld an Kommunismus und Kapitalismus in die Schuhe geschoben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte auch die KPÖ Heimkehrer zu sich locken. Sie war die einzige Partei, die Juden aktiv aufforderte, nach Österreich zurück zu kehren. (c) DÖW

Auf der anderen Seite wurden viele Hoffnungen enttäuscht, die man in die Sowjetunion gesteckt hatte. Der Versuch eine Art jüdisch-sowjetischen Staat zu errichten, scheiterte einerseits an der schlechten Lage des gelobten Landes an der Grenze zur Mandschurei, andererseits an der schlechten Organisation. Stalin ließ zudem in den 1930ern viele verfolgen, die als Trotzkisten galten. Der Hitler-Stalin-Pakt war 1939 eine weitere Enttäuschung. Zwei Jahre später wurde das Jüdische Antifaschistische Komitee gegründet. Der Krieg war in Osteuropa ausgebrochen. Künstler mussten und wollten Propaganda gegen die Nazis machen. Drei Millionen Juden lebten nach dem Krieg noch in der Sowjetunion. Sie mussten dabei zusehen, wie das Komitee aufgelöst wurde, viele Mitglieder verhaftet oder in Schauprozessen angeklagt wurden. Hebräisch war verboten. Der Antisemitismus lebte unter dem Deckmantel des Antizionismus weiter. Ein Plakat in der Ausstellung zeigt einen Araber, der am Hals von einem Judenstern gekettet wird. Die Worte “Zionismus ist Rassismus“ haben dabei kaum verhohlene, antisemitische Untertöne.
Wien und Niederösterreich wurden 1965 zu einer Drehscheibe für jüdische Auswanderer aus der Sowjetunion. Ihnen stand es als einziger nationaler Minderheit frei, sich für die Emigration zu entscheiden. Was wie ein Privileg wirkte, konnte auch als Signal verstanden werden, dass man die jüdische Bevölkerung beim Aufbau einer klassenlosen Gesellschaft nicht benötigte. Im Schloss Schönau bei Baden wurde ein Transitlager eingerichtet. Rund 70.000 Menschen fanden hier unter der offiziellen Jewish Agency Hilfe bei der Weiterreise.
In der Ausstellung verlieren sich ab den 1970er die markanten Spuren von sowjetisch-jüdischem Leben. Der Zusammenbruch des Kommunismus wird eher pflichtbewusst abgehandelt. In den Räumen davor findet sich aber eine Fülle von Informationen über die Wechselbeziehungen, die zwischen Österreich, Sowjetunion und ihrer jüdischen Bevölkerung entstanden. Ganz besonders sei auch der Katalog empfohlen, in dem einzelnen Aspekten der Ausstellung nachgegangen wird. So erfährt man auf zwanzig Seiten vom Leben in Birobidschan, dem Roten Zion am anderen Ende der Welt, auch in zahlreichen Bildern. Die Direktorin des Jüdischen Museums, Danielle Spera, erzählt außerdem von ihrem kommunistischen Vater und seinen Hoffnungen auf eine bessere Welt, an deren Ende allerdings sein Ausschluß aus der Partei stand. Er war einfach zu aufsässig.

 

Am 10. Dezember können Raiffeisenkunden das Jüdische Museum kostenlos besuchen.
Gegen Vorlage einer Bankomatkarte der Raiffeisen kann zudem eine Person gratis mitgenommen werden. Es finden an dem Tag vier Führungen statt, um 11 Uhr am Standort am Judenplatz, um
14 Uhr wird Chanukka in der Dorotheergasse gefeiert, um
15 Uhr ebenda durch die Ausstellung „Israel before Isreal“ geführt und um 17 Uhr ist schließlich „Genosse. Jude.“ an der Reihe.
„Genosse. Jude. Wir wollten nur das Paradies auf Erden“ ist bis 1.Mai 2018 zu sehen.