Schlechtes Klima

Schlechtes Klima

Ein aktueller Bericht verdeutlicht die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels – mehr Hitze, mehr Pollen, mehr Extremwetterereignisse.

Von Alexander Blach

Am heurigen Sommer sieht man sehr eindringlich, wie rasant der Klimawandel an Fahrt aufnimmt. Noch nie haben so viele Menschen in Österreich unter der Hitze auch gesundheitlich so gelitten wie heuer. Da waren Schlafstörungen noch das geringste Übel“, sagt Ingmar Höbarth, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds. Es war der viertwärmste Sommer der österreichischen Messgeschichte, der heißeste Mai seit 150 Jahren. In allen Landeshauptstädten gab es deutlich mehr Hitzetage – mit mindestens 30 Grad – als in einem durchschnittlichen Sommer. Wien und Bregenz verzeichneten mit 32 beziehungsweise 16 Hitzewellentagen in Folge einen neuen Rekord. In Wien gab es in Summe 40 Tropennächte und damit mehr als in jedem anderen Sommer seit Messbeginn. „Zum Vergleich: noch vor zehn Jahren gab es in Österreich gerade mal sechs Hitzetage in Folge“, betont Höbarth. Dass diese klimatischen Veränderungen starke Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Menschen haben, bestätigt nun der vom Klima- und Energiefonds in Auftrag gegebene „erste nationale Sachstandsbericht zum Thema Gesundheit, Demographie und Klimawandel“, der gemeinsam mit dem Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT) präsentiert wurde. Mehr als 60 österreichische Forscher und 30 Reviewer haben über zwei Jahre an der Erstellung dieses „Special Reports“ gearbeitet.
„Das Thema Klimawandel ist mittlerweile in der Gesellschaft angekommen. Die Studie zeigt, der Klimawandel ist nichts Abstraktes, er ist sehr real und hat unmittelbare Folgen auf unsere Lebensbereiche“, unterstreicht auch Elisabeth Köstinger, Bundesministerien für Nachhaltigkeit und Tourismus. So wird sich laut dem Special Report die Zahl der Hitzetage während Hitzeepisoden bis Mitte des Jahrhunderts verdoppeln. Gleichzeitig wird die Gesellschaft einen um 10 Prozent höheren Anteil an Personen über ­65 Jahren aufweisen. Aufgrund der wachsenden Zahl an Tropennächten, in denen nicht ausreichend Abkühlung stattfindet, führen diese Entwicklungen insbesondere in dicht verbauten Gebieten zu stark erhöhten gesundheitlichen Risiken. „Wir können davon ausgehen, dass die Anzahl der hitzebedingten Todesfälle eklatant ansteigen wird. Hauptbetroffen wird die Stadtbevölkerung sein, aber auch sozial schwächere sowie ältere und gebrechlichere Menschen“, so Köstinger.

Ingmar Höbarth, Elisabeth Köstinger und Willi Haas präsentieren den neuen Bericht. (c) Nadine Bargad/APA

Weiters werde die Ausbreitung „nicht-heimischer gesundheitsrelevanter Tier- und Pflanzenarten“ immer mehr zum Problem. Pro Jahr würden sich im Schnitt sechs neue Pflanzenarten ansiedeln. Die Forscher rechnen außerdem mit einer erhöhten Pollenbelastung, insbesondere durch Ragweed. Bereits heute sind rund 1,75 Millionen und damit rund 20 Prozent der Österreicher von allergischen Erkrankungen betroffen. „In gut zehn Jahren werden die Hälfte der Europäer von Allergien betroffen seien“, sagt Köstinger.
Auch finden künftig subtropische und tropische Stechmücken-Arten hierzulande bessere Überlebensbedingungen vor und erfordern eine Überwachung der Ausbreitung sowie der Erkrankungen. Und nicht zuletzt werden mehr Extremwetterereignisse wie Starkregen, länger andauernde Dürre oder heftige Stürme erwartet, was nicht nur hohe wirtschaftliche Kosten etwa durch Hochwasserschäden oder Ernteausfälle verursacht, sondern auch lokale Auswirkungen auf die heimische Wasserqualität und -verfügbarkeit hat.

Systemübergreifend
Um dem Klimawandel etwas entgegenzustellen beziehungsweise Anpassungsstrategien gezielt voranzutreiben und die größtmögliche Wirkung zu erzielen, ist es laut Bericht notwendig, Klima und Gesundheit nicht getrennt voneinander, sondern systemübergreifend zu betrachten. „Sobald wir die Auswirkungen des Klimawandels auf alle unsere Lebensbereiche erkennen, kann es gelingen, passende Maßnahmen sowohl auf politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Ebene zu identifizieren als auch deutlich zu machen, wie jeder und jede Einzelne von uns bei einem klimatauglichen Leben unterstützt werden kann“, erklärt Willi Haas vom Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien und zentraler Studienautor.
Neben dem Abschwächen der Klimafolgen für die Gesundheit könne auch gezielt die Vulnerabilität – also die Verletzlichkeit – der Bevölkerung reduziert werden. Dazu müsste die klimaspezifische Gesundheitskompetenz von Gesundheitspersonal und Bevölkerung gestärkt werden. Die Förderung von sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen, insbesondere das Angleichen der Unterschiede zwischen Stadt und Land, könne zudem dazu beitragen, das Anwachsen der gesundheitlichen Ungleichheit durch Klimafolgen zu verhindern. Ziel muss es sein, die nötigen Bildungsangebote bereitzustellen, um es allen Bevölkerungsschichten zu ermöglichen, sich über gesunde Lebensweisen zu informieren.
„Verhaltensänderungen zum Beispiel in den Bereichen Ernährung oder Mobilität wirken sich sowohl positiv auf das Klima als auch auf die Gesundheit aus“, empfiehlt Haas. „Eine gesündere Ernährung mit saisonalen und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln leistet auch einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz.“ Der Umstieg auf Elektromobilität sei ebenso ein notwendiger Baustein, zusätzlich bietet es sich gerade in Städten an, auf öffentliche Verkehrsmittel und aktive Mobilität zu setzen: „Per Fahrrad oder zu Fuß unterwegs zu sein reduziert nicht nur Emissionen, sondern führt vor allem zu mehr gesundheitsförderlicher Bewegung im Alltag.“ Zudem wäre dann mehr Platz für innerstädtische Begrünung, die wiederum zur Entschärfung von Hitzeinseln beiträgt.
„Mit dieser Meta-Studie ist Österreich europaweit Vorreiter. Es ist der erste Sachstandsbericht, der systemübergreifende Fakten in dieser Qualität und Tiefe liefert. Wir möchten mit diesem Special Report das Bewusstsein über die drohenden Gefahren durch den Klimawandel schärfen. Wir wollen den Startschuss geben für eine weitere Zusammenarbeit von Klimaforschung und dem Gesundheitssektor. Denn eines ist klar, um tragfähige Lösungen für so ein komplexes Thema zu erarbeiten, ist die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen unumgänglich“, betont Ingmar Höbarth abschließend.

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