Sex, Lügen, Datenstick

Sex, Lügen, Datenstick

Die Vorstadtweiber bewegen sich langsam aus den beengten Mauern ihres Milieus heraus. Nur das Frauenbild bleibt gleich.

Von Stefan Niederwieser

Dildos sieht man selten im Hauptabendprogramm – oder einen Mann vor dem Rechner masturbieren. Mit beidem sind die Vorstadtweiber in ihre allererste Folge gestartet. Die Serie wurde zu Recht häufig mit „Desperate Housewives“ verglichen, zu deutlich ist die US-Vorlage zu erkennen. Aber was dort für das prüde US-Publikum immer nur angedeutet wurde, wird von seiner österreichischen Antwort offen gezeigt, gefühlskalter Sex in der Ehe etwa, ein zärtliches, wiederholtes „geh scheißen!“ unter Freundinnen, Lohnabhängigkeit, Cumshot-Bewegungen oder ein schwuler, korrupter, mörderischer Minister.
Das war ganz anfangs noch anders. Da musste man noch befürchten, dass die Serie Klischees aufwärmt von reichen und schönen Frauen, die beim Prosecco ihre Affären planen und intrigieren. Ihre Männer hantierten mit Zigarren, machten Geschäfte beim Golf oder im Maserati, während ihre Frauen daheim zwischen Designermöbeln gefangen waren und nur darauf achten mussten, dass sie kein Gramm Fett zu viel ansetzen. Die Luxusluder orientierten sich mindestens so sehr an „Desperate Housewives“ wie an zahlreichen Telenovelas mit elitären, hintertriebenen Figuren. Im Lauf der Staffeln hat sich allerdings gezeigt, dass die Vorstadtweiber etwas anders machen. Sie haben aus den letzten zwei Jahrzehnten gelernt, in denen Serien zu jener Kunstform aufgestiegen sind, die den Zeitgeist am besten einfangen.

Spannung und Klischees
Unter anderem ist nie ganz klar, wer die Bösen und wer die Guten sind – wie das bei „Dallas“ oder „Wege zum Glück“ noch üblich war. Die Figuren entwickeln sich weiter, die Geschichte wird ständig vorangetrieben mit einigen gut gesetzten, dramaturgischen Kniffen. So steht ein Begräbnis ganz am Anfang der ersten Staffel, bei dem alle Weiber verhaftet werden. Wer wissen will warum, muss zehn Folgen dran bleiben. Und noch mehr, um zu sehen, wie sie da wieder herauskommen. Die kleinen und größeren Spannungspunkte sind so gesetzt, dass dranbleiben einfach ist. Nicht ganz so überzeugend sind die Figuren selbst, wie nachvollziehbar das ist, was sie tun und wozu sie bereit sind. Die Charakterzeichnungen sind nicht allzu fein ausgefallen. Aber auch „Desperate Housewives“ und „Sex and the City“ hatten schon Figuren, die eher Schablonen glichen – die Naive, die Sexlüsterne, die Karrierefrau, die Supermutter. Verglichen mit ihnen dürfen sich die Vorstadtweiber relativ frei um ihr jeweiliges Alleinstellungsmerkmal bewegen. Dennoch ist einiges schwer nachvollziehbar. Die Reise des Datensticks, auf dem so extrem brisantes Material drauf ist, fordert mehr Fantasie von den Zusehern als „Findet Nemo“. Jemand möchte fast nebenher den Mörder ihres Gatten heiraten. Und Schwamm drüber, dass eine Frau das Baby der anderen kidnappen wollte.

(c) ORF/Thomas Ramstorfer

Waffen der Frau
Viel ist schon über das Frauenbild der Vorstadtweiber geschrieben worden. Mit Nina Proll steht eine prominente Kritikerin von #metoo vor der Kamera. Proll meinte kürzlich in einem Interview, dass sich die Vorstadtweiber einen reichen Mann angeln würden, um ein besseres Leben zu führen und sie das nicht unbedingt für erstrebenswert halten würde. Als eine der Frauen im Tanzkurs sexuell belästigt wird, entgegnen die anderen nur, sie solle froh sein, das wäre doch ein Freibrief. Die Vorstadtweiber hier schreiben keine wütenden Kommentare auf Twitter, sie reden nicht über Einkommensverteilung, über gläserne Decken und sie holen sich auch nicht selbst die Macht, die ihre Männer haben. Eine erfolgreiche Anwältin ist in einer Nebenrolle zu sehen. Sonst aber treiben sie die Männer vor sich her mit dem, was man klassisch die Waffen der Frau nennt. Das heißt ihr größtes Kapital ist – neben einer Scheidungsdrohung – ihr Körper. Was passiert, wenn dieser einmal nicht mehr so begehrenswert sein sollte, klammert die Serie großteils aus. Nur die Mutter des schwulen Schorsch steuert nach wie vor bissige Kommentare bei. Aussagen wie „Eine Schlange bin ich selber“, oder „ein Miststück – nur das, wozu ihr Männer mich gemacht habt“, liefern all jenen Futter, die in der Serie ein Frauenbild aus dem vorigen Jahrhundert erkennen.

ARD und Netflix
Die Männer der Serie sind allerdings noch schlimmer, sie sind allesamt kriminell oder auf eine Art gestört, manche von ihnen schon gescheitert. „Das achte Weltwunder ist, als man herausgefunden hat, dass Männer ein Hirn haben“, heißt es einmal. In der neuesten Staffel klingen auch ein paar Seitenhiebe auf die österreichische Politik an, ohne aber Karl-Heinz Grasser oder einen niederösterreichischen Manager und ehemaligen Vizekanzler beim Namen zu nennen. Es kommen neue Figuren dazu, auch vor Kabarett-artigen Gesangseinlagen hat man keine Angst mehr. Mit alldem sind die Vorstadtweiber wahnsinnig erfolgreich. Die Quoten sind konstant hoch, auch in Deutschland, wo die ARD die Serie koproduziert hat. Sie sorgt zudem für Rekordzugriffe in den TV-Theken und selbst Netflix wollte die Vorstadtweiber in seinem Sortiment haben.
Die Vorstadtweiber haben sich von den Reich-und-Schön-Klischees freigespielt, nicht vollständig, aber die Serie bewegt sich mittlerweile aus den beengenden, luxuriösen Mauern der Wiener Vorstadt hinaus. Es gibt die abgründigen und kaputten Figuren, wie man sie aus dem österreichischen Kabarettfilm kennt. Es gibt neben den billigen Lachern auch den hintergründigen Humor. Und wenn nur eine der Frauen ihr eigenes Glück nicht über ihren Mann definieren sollte, könnte man der Serie sogar noch Vorbildwirkung attestieren.