„Shift happens!“

„Shift happens!“

Der zweite Business Summit der FH Vorarlberg beschäftigte sich mit zentralen Zukunftsfragen. Keynotespeaker Gunter Dueck im Interview.

Von Alexander Blach

Beim Business Summit der FH Vorarlberg – mit den Vorarlberger Raiffeisenbanken als Hauptsponsor – sollen sich die Teilnehmer mit Zukunftsthemen auseinandersetzen und neue Perspektiven erhalten. Andreas Schwarzenbrunner (Speedinvest), Simone Schulz (Porsche AG) und Falko Wilms (FH Vorarlberg) stellten sich heuer den Fragen: Wie werden wir künftig arbeiten? Arbeiten wir überhaupt noch? Wie verändert die Digitalisierung Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft?

Als Keynotespeaker konnten zudem Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht sowie Gunter Dueck, Mathematiker, Autor und ehemaliger Chief Technology Officer bei IBM, gewonnen werden. Letztere skizziert im Interview die Zukunft des Bankgeschäftes.

Herr Dueck, wie zukunftsfit sind Banken?
Gunter Dueck: Viele Banken sitzen auf Altsystemen aus den 1970/80er-Jahren, die man im Grunde runderneuern und neu erfinden müsste, was leider keinen Umsatz bringt und daher nur zögerlich angepackt wird. „Neodigitalisierung“ ist nötig (Anm. Die Neudigitalisierung von bereits Digitalisiertem). Und die echte Digitalisierung lässt Kunden nur noch mit schwierigen Fragen zur Bank kommen, damit aber ist eine Filiale nicht ausgelastet und/oder überfordert. Tja … schließen.

Welche Dinge müssten Banken wieder komplett neu erfinden?
Dueck: Die Digitalisierung schrumpft die Services, für die der Kunde gern zahlt und von denen die Bank lebt. Also müssen neue Services entwickelt werden. Der Raiffeisen-Bereich könnte sich auf seine Wurzeln besinnen und wieder ein Dienstleistungszentrum in kleineren Ortschaften bieten, die langsam verwaisen, wo also Banken, Apotheken, Handel, Reinigungen und Post verschwinden.

Gunter Dueck bei seinem Vortrag

(c) Laurin Schmid

Bankgeschäft ist Vertrauensgeschäft – Untersuchungen zeigen, dass gerade die junge Generation mehr Beratung braucht, wenn es um Finanzprodukte geht. Wie kann in einer digitalisierten Zukunft dann noch Vertrauen aufgebaut werden?
Dueck: Die Untersuchungen sind meist zu eng. Man fragt nur, was auf dem eigenen schrumpfendem Gebiet zu retten wäre, anstatt weiter hinauszuschauen. Es ist auch fraglich, wie sich die Jungen beraten lassen – vielleicht durch Surfen oder über Facebook-Freunde? Beratung ja, aber geht man dann zur Bank? Haben Banken nach der Krise noch Vertrauen oder beten sie gesund? Es fängt schon mit der Formulierung „Finanzprodukte“ an: Dem Kunden wird signalisiert: „Ich muss etwas einkaufen. Und die Bank will etwas verkaufen.“ Das Kaufen aber regeln die jungen Leute zunehmend über das Netz, sie suchen nach Fünf-Sterne-Lösungen.

Welche Rolle wird künftig das Bargeld spielen?
Dueck: Im deutschsprachigen Raum hängt man erheblich mehr am Bargeld als in anderen Ländern. Es wird ausgehen, wie es immer ausgeht: Wir werden uns den anderen angleichen. Bargeld verschwindet.

Mit welchen Eigenschaften können Genossenschaftsbanken wie Raiffeisen in Zukunft punkten?
Dueck: Diese sind von allen Banken wohl noch am engsten mit ihren Kunden verbunden. Wenn sie aber die kleinen Filialen schließen, geht dieser Vorteil dahin. Daher finde ich ja, man könnte kleine Dienstleistungszentren aus einer Bank machen.

Sie sagen, ein Algorithmus macht keine handwerklichen Fehler oder Autos, die autonom fahren, machen keine Unfälle. Wo lauern dann die Gefahren von zum Beispiel Künstlicher Intelligenz?
Dueck: Alles Neue kann als „Pflugschar oder als Schwert“ benutzt werden. Wir diskutieren zu sehr die Gefahren. Wir hypen und fürchten gerade Künstliche Intelligenz. Ein Beispiel: In Deutschland sterben rund 3.000 Menschen an Autounfällen pro Jahr. Fast alle Unfälle gehen auf ganz wenige Ursachen zurück: zu schnell, zu waghalsig überholt, zu geringer Abstand, Vorfahrt missachtet, betrunken. Fast alle! Diese Unfälle machen Algorithmen schon einmal nicht. Warum diskutieren wir dann so lange? Während ich diese Fragen beantworte, ist schon wieder einer tot. Noch ein Jahr reden? Noch zehn Jahre? 30.000 Tote?

Warum dauert die Umsetzung bzw. der Rollout neuer, innovativer Technologien für die Gesellschaft in der Regel zu lange?
Dueck: Man muss doch wohl lange üben. Unsere Gesellschaft nimmt das Entstehen neuer Technologien nicht als Üben wahr. Amazon, Uber, Tesla, Zalando, Google, Facebook werden jahrelang beim Üben verlacht – dann dauert es wieder lange, bis man sie ernst nimmt und dann vielleicht Konsequenzen zieht. Wenn man aber plötzlich doch selbst anpacken möchte, muss man ja wieder selbst fünf Jahre üben – und jammert, was wieder Zeit kostet.

Was behindert den Fortschritt? Wo sehen Sie die großen „Denkfehler“?
Dueck: Wenn man ein Haus kauft, nimmt man einen Kredit auf – weiß jeder. Wenn Tesla auf Kredit baut, finden das Unternehmen, Presse und Öffentlichkeit nicht in Ordnung. Hier spart man sich tot, um mit den Gewinnen das Neue hochzuziehen. Dann sind aber auch die Mitarbeiter demotiviert oder entlassen. Daimler und BMW schließen sich gerade zusammen, weil sie es nicht alleine stemmen können, sagen sie. Sie wollen es nicht alleine … Irgendwie weiß man nicht mehr, wie Mut geht.

Haben Sie Angst vor der Zukunft? Gibt es Grund zur Sorge?
Dueck: Nicht mehr als sonst, wir haben immer Sorgen. Kriege, Finanzkrisen, Regenwaldrodungen, Erderwärmung, Globalisierung, Fall und Bau von Mauern, den Verlust fast aller Arbeitsplätze in der Landwirtschaft – Ist es jetzt schlimmer als irgendwann sonst? Warum fixieren sich alle auf Digitalisierung? Vielleicht, weil sie die anderen Probleme aufgegeben haben und jetzt glauben, sie könnten es hier besser machen.

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