Sie haben die Haare schön

Sie haben die Haare schön

Das Wien Museum widmet sich Scheiteln, Wellen, Locken, Tollen und Schneckerln.

Von Stefan Niederwieser

Plötzlich trugen Männer wieder Dutt, sie hatten lange Bärte und tranken Craft Bier. Sie gingen zu Barbieren, die an vielen Ecken der Stadt eröffnet hatten, dort wurden sie mit alten Seifen und Tinkturen gewaschen und eingerieben, mit alten Scheren und Pinseln bearbeitet. Dabei waren Vollbärte bei Männern lange kaum zu sehen, Dutts noch nie. Es liegt sehr oft an der Zeit, warum sich solche Moden ändern. Das kann man im Wien Museum derzeit besonders gut sehen.

(c) Louis Calvete/Wien Museum

Zäsur Revolution
Die Ausstellung dreht sich auch um die österreichische Gegenwart. Man sieht Bilder türkischer Friseure, bei denen millimetergenau geschnitten, gezupft und rasiert wird, die ihren Klienten schwarze Paste um die Augen schmieren; oder ein Glas mit Roggenmehl, mit dem sich eine junge Generation die Haare waschen würde, um auf Tenside und Kunststoffverpackungen zu verzichten. Vor allem blickt man hier aber intensiv in die Vergangenheit. Kein Ereignis scheint dabei so einschneidend wie die Französische Revolution – sie hat, was als edel und schön galt, in fast allen Bereichen völlig verändert. Die alten Zöpfe mussten ab, sie waren im preußischen Militär noch vorgeschrieben, galten nach der Revolution als rückständig, vereinzelt wurden sie sogar verbrannt. Bei Männern verschwinden Zöpfe ganz, bei Frauen gelten sie lange als ein Symbol der Jungfräulichkeit, unter den Nationalsozialisten erleben sie eine Renaissance, selbst Elfriede Jelinek greift diese Ambivalenz später wieder auf. Sie versteht ihre eigene Frisur als antifaschistischen Kommentar, oben eine moderne Tolle, unten zwei brav geflochtene Zöpfe.
Der Sonnenkönig verlor so wie schon sein Vater früh die Haare, er trägt fortan eine Perücke, immerhin gelten lange Haare als Symbol von Macht. Die Allongeperücke verbreitet sich am gesamten Kontinent, sie wird über die Jahre immer heller, Spezialisten frisieren, reinigen und pudern sie, meistens mit feinem Mehl. Auch Schminke ist in dieser Zeit weit verbreitet. Als die absolutistischen Herrscher aber hundert Jahre später auf dem Schafott um einen Kopf kürzer gemacht werden, findet auch diese Mode ihr Ende. Ein natürlicheres Äußeres ist gefragt, Perückenmacher werden kaum noch gebraucht, ein paar von ihnen finden in Frauen neue Kundschaft, denen aus Strafe für Prostitution die Haare abrasiert werden. Früher schon wurden Frauen so gedemütigt, von denen man annahm, dass sie Hexen wären. Die ausgestellte Echthaarperücke von Conchita Wurst zeigt einen weiteren Aspekt künstlicher Haartracht.

Zäsur Weltkrieg
Edle Blässe hält sich länger. Bis zum Ersten Weltkrieg gilt, je heller, desto besser. Bei Spaziergängen im Freien werden Schirme aufgespannt, Puder und Schminke helfen dabei, die Haut wie aus Porzellan aussehen zu lassen. In vielen Regionen der Welt gilt das noch heute, während in unseren Breitengraden immer mehr Sonnenbänke aufgestellt werden, um der Bräune nachzuhelfen. Andere Leute sollen sehen, dass man nicht nur das Geld für einen Aufenthalt auf einer schönen Insel hat, sondern auch die Zeit, nichts anderes zu tun, als den eigenen Körper in der Sonne zu drehen. Mit dem Ersten Weltkrieg ändert sich auch die Haarmode bei Frauen deutlich. Nachdem viele Männer in Schützengräben und auf Festungen kämpfen, übernehmen Frauen harte Arbeiten, bei denen lange Haare nicht praktisch sind. Man sieht auf den Covers der ausgestellten Illustrierten, dass ein freier Nacken, Bubiköpfe, hochgesteckte und kurze Haare über viele Jahrzehnte die Mode beherrschen.

Zäsur Locken
Im ursprünglichen Wortsinn kräuselt ein Friseur Haare, wenn er sie frisiert, Locken sind wesentlicher Bestandteil seiner Kunst. Die Berufsbezeichnung kommt relativ spät auf, ein „Friseur sur le Graben” ist in Wien für das Jahr 1785 nachgewiesen. Friseure haben oft Tschinellen vor ihrer Tür hängen, die geschlagen werden, wenn das Badewasser heiß und fertig ist. Um Haare zu kräuseln, verwenden Friseure heiße Wickler aus Metall, Ondulierstäbe oder Brennscheren, seit Anfang des letzten Jahrhunderts werden Haare schließlich mit seltsam aussehenden Geräten zur Dauerwelle geformt. Der Trend zur Locke zieht sich quer über alle Jahrhunderte, schon Ägypter, Römer und Griechen versuchten ihre Haare aufzudrehen. Warum in jüngsten Jahren hingegen glatte Haare dominieren, wird in der Ausstellung leider nicht erläutert.
Dafür erfährt man, dass Wiener Frauen für ihr Aussehen berühmt waren. Statt mit klassischer Schönheit zu glänzen, wären sie „durch Charme gekennzeichnet, zart in den Linien und üppig in den Formen“. Neben Schauspielerinnen wie Elise Höfer und Elise Fichtner prägte besonders Kaiserin Sissi das Ideal. Für 1888 ist dann die vermutlich erste Schönheitskonkurrenz nachweisbar, 1929 wurde Lisl Goldarbeiter zur bisher einzigen Miss Universe aus Österreich gewählt.
Mit viel Aufwand werden die wilden Körper gezähmt und mit Scheren, Bürsten, Kämmen, Krügen, Kannen, Spiegeln und Wannen zivilisiert. Manche frisieren die Haare mit Gel streng nach hinten, andere föhnen sie, damit sie in eleganten Wellen das Gesicht rahmen, wieder andere wollen ewig jung sein und blondieren ihre grauen Haare. Ja selbst ein gut gepfleger Bart und zum Dutt gebundene Haare bändigen die Natur.

 

Haut und Haare im Wien Museum bis 6. Jänner 2019.

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