Stabilität durch Agilität

Stabilität durch Agilität

Beim Raiffeisen Leadership Kongress diskutierten mehr als 100 Führungskräfte über neue Führungsprinzipien.

Von Edith Unger

Der erfolgreiche Manager gestaltet seine Führungsarbeit bewusst, er vermittelt Zuversicht, fordert Verantwortung konsequent ein und redet Klartext. Denn er weiß: Jeder Mitarbeiter hat ein Recht auf professionelle Führung. Aber in welchen Führungssituationen schwingt man besser sein Spielbein, in welchen stützt man sich auf sein Standbein? Wann ist Agilität, wann Stabilität gefragt?
Im Dialog mit erfolgreichen Führungspersönlichkeiten aus unterschiedlichen Branchen und mit Kollegen aus dem Raiffeisen-Verbund aus allen Sparten und Sektorstufen haben sich mehr als 100 Teilnehmer auch heuer wieder beim Raiffeisen Leadership Kongress wertvolle Inspiration für den Führungsalltag geholt und darüber diskutiert, wie Führungsarbeit gelingen kann.

Wissenschaftlicher Leiter des heurigen Leadership Kongresses war Ulrich Schnabel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. (c) Raiffeisen Campus

Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Führungsforschung lieferten zu Beginn des Kongresses die nötigen Impulse für die Diskussionen. So zeigte Ulrich Schnabel vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart und als wissenschaftlicher Leiter des Kongresses, warum agiles Führen (über)lebenswichtig ist.
Megatrends wie demographischer Wandel, Globalisierung oder Digitalisierung führen dazu, dass unser Umfeld immer dynamischer und volatiler wird und auch ein ökonomischer Wandel stattfindet, weiß Schnabel. Diese sich rasch verändernden Rahmenbedingungen haben auch Einfluss auf den Führungsstil: „Als agile Führungskraft muss man erkennen, wo die Kannibalen sitzen: Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Agilen die Statischen“, unterstreicht der Experte.
Führung und Organisation eines Unternehmens befinden sich im Wandel von einem „stabilen Umfeld“, das auf einem hierarchischen System aufbaut und von Routine, Standardprozessen, Karrieredenken und Individual-Boni geprägt ist, zu einem „dynamischen Umfeld, das über Netzwerkorganisation funktioniert und auf Agilität, Experimente, Kreativität, Innovation, Selbstverwirklichung und Teamerfolg setzt.
Zusammenfassend betonte er: „Eine agile Führungskraft muss mehr Menschenkenner sein als Fachexperte, denn Persönlichkeiten lassen sich nicht digitalisieren, und Menschen können nur durch Menschen geführt werden.“
Einen weiteren Aspekt auf das Spannungsfeld zwischen Stabilität und Veränderung brachte der Leiter des Departments für Sozio-Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien, Christian Rammel, ein. „Die Welt von heute braucht Veränderung“, weiß der Wissenschaftler. Nicht nur Tiere, Pflanzen oder Ökosysteme können als komplexe adaptive Systeme beschrieben werden, auch eine Fußballmannschaft oder sogar ein Unternehmen seien „evolutionäre Systeme“, so Rammel.
Wie in der Biologie habe sich auch in der Wirtschaft gezeigt, dass die Koexistenz verschiedener Varianten wichtig für das Überleben sei und stets Fehler die Entwicklung vorangetrieben haben. Auch er bestätigt: „Nicht der Stärkste oder der Intelligenteste überlebt, sondern wer sich am besten an Veränderungen anpasst.“
Es sei wichtig, Veränderung als Erneuerung zu verstehen und zu kommunizieren. „Langfristiges Überleben bzw. eine langfristige stabile Entwicklung im Wirtschaftsleben geht nur mit und nicht gegen Veränderung. Und dieses Potenzial zur Veränderung beruht vor allem auf internen Strukturen, die kreative Vielfalt unterstützen und die eine gesunde Balance zwischen Anpassungspotenzial, Effizienz und Erneuerung unterstützen“, fasste Rammel zusammen.

Agile Führungsarbeit im Praxistest auf der Wiener Trabrennbahn. (c) Raiffeisen Campus

Teil des Leadership Kongresses sind immer Workshops, in denen die Teilnehmer die Möglichkeit haben, von erfolgreichen Führungspersönlichkeiten aus der Praxis zu lernen. So wurde im Workshop „Von Boss zu Ross“ mit Hilfe von Pferden als Interaktionspartner agile Führung und Teamentwicklung hautnah erlebt und von der Beraterin Nicole Lehrer, die auf Coachings mit Pferd spezialisiert ist, analysiert und verinnerlicht. Das Pferd war dabei der Spiegel der inneren Führungshaltung, zeigt die Klarheit in der Kommunikation, Kooperation und Interaktion. Gleichzeitig agiert es als ein eigenständiges Wesen unvorhersehbar und nicht immer planbar. Es erfordert Flexibilität und Anpassungsfähigkeit – Eigenschaften, die für Führungskräfte elementar zum Erfolg beitragen, so Lehrer.
Im Workshop mit Ernst Wyrsch, einem ehemaligen Hoteldirektor und Lektor an der St. Galler Business School, wurden die Raiffeisen-Führungskräfte ermutigt, konsequent von der Ich-Perspektive in die Du-Perspektive zu wechseln: „Hören Sie hin, um zu verstehen. Das ist etwas anderes als zuzuhören, um zu antworten“, so der Hotelmanager.
Der Strategieberater, ehemalige Banker und aktuell ehrenamtliche Vorstand bei Oikokredit, Friedhelm Boschert, weiß, wie machtvoll Gedanken sein können. Er versuchte den Raiffeisen-Managern zu vermitteln, dass für (innere) Stabilität die Kontrolle der eigenen Denkfluten unverzichtbar ist. Er zeigte auf, wie man die Kraft der Gedanken bewusst nutzen kann, um aktiv zu verändern anstatt verändert zu werden.

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