Stiefkind Wärme

Stiefkind Wärme

Eine aktuelle Studie der TU Wien zeigt, wie eine Dekarbonisierung der Wärmeversorgung bis 2050 gelingen kann.

Obwohl etwa ein Drittel des gesamten Energieeinsatzes in Österreich für das Heizen benötigt wird, ist in fast allen energiepolitischen Diskussionen die Wärmeversorgung das Stiefkind, um das sich niemand kümmert“, leitet Christian Rakos, Moderator und Geschäftsführer von proPellets Austria, die Präsentation der Studie ein. 60 Prozent der Wärme wird noch immer mit fossilen Energieträgern erzeugt und ist somit für rund 20 Prozent des heimischen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Um den globalen Temperaturanstieg auf deutlich unter 2 Grad Celcius zu begrenzen, werden also „substantielle Anstrengungen zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung notwendig sein“, betont auch Studienautor Lukas Kranzl von der Energy Economics Group der TU Wien.

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Die Ergebnisse der Studie „Wärmezukunft 2050“ zeigen, dass eine Energiewende im Wärmebereich möglich ist und jährlich sogar an die 3 Milliarden Euro an Heizkosten eingespart werden könnten. Die zusätzlichen Investitionen in thermische Sanierungen sowie der Umstieg von fossilen Heizsystemen auf erneuerbare führen zu steigenden Beschäftigungszahlen in diesen Branchen. Konkret bringen sie in diesen Branchen einen jährlichen Beschäftigungszuwachs von 2,5 Prozent zwischen 2020 und 2030 und von 2,4 Prozent zwischen 2030 und 2040. „In Summe sind die langfristigen Einsparungen höher als das nötige Investitionsvolumen“, erklärt Andreas Müller von der TU Wien und setzt fort: „Insgesamt zeigt sich, dass die Nutzung von Kohle und Heizöl gänzlich ausläuft und der Einsatz von Erdgas kontinuierlich reduziert werden muss sowie der verbleibende Anteil sukzessive durch Biogas und Wasserstoff zu ersetzen ist.“
Für die Studie wird davon ausgegangen, dass Gebäude in Zukunft immer besser gedämmt und durch den technologischen Fortschritt die Heizsysteme besser und effizienter werden. So würden sich die Verkaufszahlen von Biomassekesseln vom derzeitigen Stand aus bis 2030 beinahe vervierfachen, der Holzverbrauch aber sogar sinken.
Ähnlich verhält es sich mit dem Stromverbrauch. „Obwohl die Wärmepumpen 2050 ein Drittel der Wärmeversorgung bereitstellen, sinkt in Summe der Stromverbrauch im Wärmesektor“, skizziert Michael Hartner von der TU. Voraussetzung dafür sei, dass Stromdirektheizungen weitgehend durch andere Systeme ersetzt und Wärmepumpen nur in Verbindung mit niedrigen Vorlauftemperaturen eingesetzt werden. Der Endenergiebedarf für die Wärmebereitstellung sinke so bis 2050 etwa auf die Hälfte des heutigen Standes von etwa 100 TWh auf 50 TWh.
Damit letztendlich die Wärmewende wirklich gelingen kann, gilt es, den Gebäudebestand umfassend zu sanieren. Das umfasse die thermische Sanierung ebenso wie die Erneuerung der Heizanlage. Nur so könne der Gesamtenergiebedarf halbiert, der Stromverbrauch gesenkt, der Biomasseverbrauch konstant gehalten und der Erdgasverbrauch auf Biogas und Power-to-Gas umgestellt werden.

Politische Maßnahmen
„Der Umbau der Wärmeversorgung erfordert ein umfassendes politisches Maßnahmenbündel – bietet aber gleichzeitige große wirtschaftliche Chancen und würde die heimische Wirtschaft stärken sowie die Belastung der Haushalte durch Heizkosten substantiell reduzieren“, so Kranzl.
Zu den wichtigsten Maßnahmen zähle das Ende der steuerlichen Bevorzugung von Heizöl. Obwohl technisch derselbe Stoff wie Diesel, beträgt die Mineralölsteuer für Heizöl Extraleicht mit 9,8 Cent pro Liter nur ein Viertel der Steuer auf Diesel von 39,7 Cent pro Liter. Zudem würde eine generelle CO2-Abgabe die Wende vorantreiben. Die Einnahmen könnten dann von Energiearmut betroffenen Haushalten zweckgebunden zugeführt worden, um auch dort Heizsysteme zu erneuern.
Weiters müssten ordnungspolitische Maßnahmen wie eine verbesserte und verpflichtend wiederkehrende Überprüfung von Heizanlagen, die Entwicklung von Sanierungsplänen für Gebäude beschlossen werden. Auch Informationskampagnen, die die Bürger über die Chancen und Vorteile der Energiewende beim Heizen informieren, hält Kranzl für wichtig.
„Die Wärmewende ist kein Selbstläufer“, betont auch Peter Püspök, Präsident des Dachverbandes Erneuerbare Energie Österreich: „Der Gegenwind der fossilen Besitzstandswahrer ist enorm, weil mit Öl und Erdgas sehr viel Geld verdient wird. Um die Wärmewende stemmen zu können, brauchen wir kräftige Anpacker: die Immobilieneigentümer, die Planer, die Gemeinden und die Bundesländer und vor allem auch die Bundesregierung.“ Die Politik sei besonders gefordert, Maßnahmen umzusetzen. Dass die neue Bundesregierung dem Thema erneuerbare Energien in ihrem Regierungsprogramm hohe Aufmerksamkeit schenkt, stimme Püspök optimistisch. bla