Stricken und Designerdrogen

Stricken und Designerdrogen

Im Rennen um die bessere Avantgarde hat das Donaufestival unter Thomas Edlinger die große Schwester Wiener Festwochen abgehängt.

Von Stefan Niederwieser

Western Flag (c) Courtesy John Gerrard, Thomas Dane Gallery, London and Simon Preston Gallery, New York

Wir stecken fest, unsere Utopien sind die alten, es gibt keine Revolutionen anzuführen, denn sie fressen ihre eigenen Kinder, das wissen wir, es gibt niemanden, der das Rad zerbrechen kann, der die Strukturen von innen reformiert oder von außen sprengt. Es geistern alte Ideen durch die Gegenwart, Kalter Krieg, Populisten, Demokratien, die sich nur noch so nennen, schwarzer Stolz, Feminismus alter Schule, diese Ideen kommen wieder und wieder, wir können sie durch nichts Neues ersetzen, wir sind in einer scheinbar endlosen Gegenwart gefangen. Wir sind dauernd online, die Feeds sind zwar auf dem letzten Stand, die Filterblasen aber nicht durchlässig. Ungefähr so lässt sich das Leitmotiv des Donaufestivals beschreiben, das heuer zum zweiten Mal unter der Leitung von Thomas Edlinger stattfindet. Aber man gibt sich nicht mit Ratlosigkeit zufrieden, stattdessen setzt man dem Präsenz entgegen. Sie kann es nur an einem konkreten Ort geben, in einer Performance, in einem Konzert, das mit Neuem konfrontiert und unmittelbar erlebt wird – nicht durch das Display eines Smartphones.

Das Fitness-Camp „Medusa Bionic Rise“ (c) Nico Schmied

Letztes Jahr hat Thomas Edlinger die Leitung des Festivals von Tomas Zierhofer-Kin übernommen, der wiederum Intendant der Wiener Festwochen wurde. Öffentlich hat man sich Respekt gezollt, der Wechsel war aber alles andere als leicht. Immerhin sind Teile des Teams mit nach Wien gegangen, die Festwochen traten plötzlich in unmittelbare Konkurrenz zum Donaufestival, man hat um ähnliche Bands geboten, ähnliche Künstler angesprochen. Mit elf Millionen Euro bekommen die Festwochen außerdem deutlich höhere Subventionen – was sich natürlich in den Produktionen widerspiegelt. Wenn man also nur einmal im Jahr auf ein Festival wollte, das queere, feministische und post-koloniale Diskurse in sich aufgesogen hat, so konnte man neuerdings in Wien bleiben – auch wenn sich das Donaufestival international in wenigen Jahren bestens etabliert hat. Ein Jahr später hat sich die Situation ein wenig sortiert.
Die Festwochen sind durchgefallen, beim Publikum und der Kritik, es setzte fast nur Verrisse für die neuen, mutigen, jungen Festwochen. Es sei falsch kommuniziert worden, so lautet ein Jahr später die Selbstkritik. Gerade so, als wäre nicht auch im Kleinen viel falsch gemacht, zu spät angekündigt, an den Bedürfnissen des Publikums vorbei – fehlende Übertitelungen, Sichtbarkeit, Hitze im Saal –  inszeniert worden. In Krems konnte man dagegen auf den Nimbus der Avantgarde bauen. Als das Festival dann zugänglicher wurde als die Jahre zuvor, hieß das natürlich nicht, dass man sich plötzlich auf einem Zeltfest wiederfand. Man spürte aber das Bemühen von Thomas Edlinger,

Laurel Halo (c) Phillip Aumann

dass ein Besuch in Krems keine Prüfung sein solle. Es gab immer noch die legendären Schnitzelsemmeln, neuerdings kleine Foodtrucks, am Eingang zur großen Halle konnte man mit einem Baseballschläger Möbel zu Kleinholz verarbeiten. Es wurde aber schlicht auch sehr gut kuratiert. Nachdem Musik immer teurer wird und die Preise selbst für mittelgroße Acts auch für ein gut subventioniertes Festival immer schwerer leistbar geworden sind, wurde der Fokus auf Installationen und Performances verschoben. Vor Ort konnte man das Gefühl bekommen, als wären beide jetzt gleichwertig im Programm. Diese Nische muss man sich erst einmal erkämpfen, erarbeiten. Wie viel Pulver im ersten Jahr bereits verschossen wurde, wird man konkret vor Ort sehen, spüren und ahnen, wenn man in die endlose Gegenwart eintaucht. Manches liest sich spektakulär.
So kann man in „Medusa Bionic Rise“ ein Fitness-Trainingscamp besuchen und dabei auf eine Apotheke mit Designerdrogen zurückgreifen. Für „Passing Through Metals“ wurden wiederum 40 Menschen aus der Region gesucht, die zur Musik einer Band mit Nadeln klappern und dabei lange schwarze Schnüre stricken. Koordiniert werden sie von Regina Binder, die mit 62 Jahren ein Geschäft in Krems betreibt. Und bei „Blind Cinema“ werden den Gästen die Augen verbunden, sie erleben den Film über hinter ihnen sitzende Kinder, die nacherzählen, was auf der Leinwand passiert. Als bereits etabliert darf die Serie „Stockholm Syndrom“ gelten, bei der man vorher nicht weiß, was passieren wird und wo. Zu den Highlights im Musikprogramm dürfen Mouse On Mars, Molly Nilsson, James Holden, Laurel Halo und Godspeed You! Black Emperor zählen. Thomas Edlinger hat Krems offener gemacht. Vielleicht schafft er sogar mehr Besucher aus der Region zu sich zu holen. Anzunehmen ist es nicht, aber die Chancen standen noch nie so gut.

Donaufestival, 27. April bis 6. Mai, Krems

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