Süßer Hauch von Niente

Süßer Hauch von Niente

Wanda haben ihr drittes Album „Niente“ veröffentlicht. Der Schnaps ist leer getrunken, die letzte Tschik geraucht, der Morgen graut zwielichtig.

Von Stefan Niederwieser

Amore, meine Stadt! Mein Gott, wie sehr konnte man diese Zeilen aus ganzer Seele mitsingen, schreien, sich tätowieren. Wanda hatten alles. Den Dreck, die Melancholie, die Euphorie, die Nostalgie, Sex, Humor und vor allem diese Melodien aus G-o-l-d. Sie kamen fast aus dem Nichts und haben in nur drei Jahren die Popmusik dieses Landes beeinflusst wie keine zweite Band. Überall wurde vom neuen Austropop geschrieben, gerade in Deutschland. Seiler und Speer, Pizzera & Jaus, Granada oder Voodoo Jürgens bedienten dieselben Gefühle – nur oft nicht so kunstvoll. Neuere Bands hatten es da nicht leicht. Sie müssen oft denselben Erwartungen entsprechen, Schmäh und knackige Refrains liefern.

(c) Wolfgang Seehofer

Frei sein
Sänger Marco Wanda im Interview: „Wir haben nur deshalb zu so einer starken Ästhetik gefunden, weil es bei uns um gar nichts ging und klar war, Ö3 wird das nie spielen und die Krone wird nie berichten. Das hat uns gut getan, dadurch waren wir sehr frei.“ Die Lorbeeren reicht er aber weiter. Alles das wäre ohne den Nino aus Wien niemals möglich gewesen: „Er hat alles vorweg genommen. Der Nino aus Wien ist mit Abstand der wichtigste Musiker der jüngeren österreichischen Popgeschichte.“
„Auf ‚Niente‘ sind die ganzen Zwischentöne drauf, die nie erzählt wurden, die ganze Einsamkeit, das Gefühl, dass wir vier Jahre wie eine Partyflasche herumgereicht wurden. Jeder hat uns leer gesoffen, und jetzt ist wenig Wasser im Brunnen übrig“, so Marco Wanda. Daher auch der Albumtitel Niente, der sich übrigens auf Michael Endes „Die unendliche Geschichte“ bezieht, wo das Nichts droht, ganz Phantásien zu verschlucken. Oder das Coverfoto, auf dem die Bandmitglieder langsam verschwinden.

Weiter, weiter
Es fällt schon auf, über dem ganzen Album liegt eine traurige Schönheit. Songs wie „Luzia“ oder „Bussi Baby“, die früher aus jeder Pore Leben! schrien, die keine Satisfaktion kennen, sie sucht man auf dem dritten Album vergebens. Das Tempo ist gedrosselt. Es gibt Streicher. Immer wieder ist die Kindheit ein Thema, aber nicht mit Blick nach vorne, sondern wie etwas, das einfach nicht wieder kommt. Selbst wenn es in einem Text heißt „weiter, weiter, immer weiter brauch ich mehr, und mehr, und mehr“, dann folgt darauf „und immer leichter, wird es schwer, und schwer, und alles wirft mich aus der Bahn“.
In allen Texten zum dritten Wanda-Album werden die großen Melodien beschworen, die Wanda
schreiben. Dabei kommen diese vor allem so zur Geltung, weil es die Band versteht, Lieder viel weiter zu denken, als in Strophe, Refrain, Strophe und irgendwann ein Chorus. Sie entwickeln sich beinahe organisch, aus sich selbst heraus, sie sind im besten Sinne nur bis zur nächsten Ecke vorhersehbar. Und Wanda sind bereit, viel auszuprobieren, sich zu verändern.
Von der Presse wird das bisher so halb honoriert, es scheint, als wäre es heute opportun, dieselben Ideen, die vorhin noch gut waren, jetzt ein wenig schnarch zu finden. Wo sind die postmodernen Ideen, die identitätspolitischen Positionen, fragt die Süddeutsche Zeitung etwa. Dem Publikum wird es egal sein. Wanda schaffen es, aus ihrer besoffenen Leere viele neue Zwischentöne zu kitzeln. Lieder für die Gegenwart, für komplexe Zeiten, das ist mehr, als man von so einer wahnwitzig erfolgreichen Band erhoffen konnte.
„Niente“ von Wanda ist bereits via Vertigo erschienen.

(RZ 41, 12.10.2017)