Szenen statt Reden

Szenen statt Reden

Der Raiffeisen-Revisionsverband NÖ-Wien lud zu einer General­versammlung der be­sonderen Art an einen ungewöhnlichen Ort.

Von Edith Unger

Schon die Einladung zur 16. Generalversammlung des Raiffeisen-Revisionsverbandes Niederösterreich-Wien in Form einer Theaterkarte ließ erahnen, dass es sich in diesem Jahr um eine spezielle Veranstaltung handelt. Nicht wie üblich in die Landwirtschaftskammer Niederösterreich, sondern in einen Theatersaal ins Kasino am Schwarzenbergplatz luden Obmann Josef Pröll und Direktor Johannes Leitner heuer ihre Funktionäre. Dort erlebten sie dann – anstatt der üblichen Reden und Präsentationen – anhand von sechs szenischen Darstellungen aus dem Leben von Friedrich Wilhelm Raiffeisen und kurzweiligen Dialogen moderiert von Florian Scheuba eine Generalversammlung der besonderen Art.

Sechs Szenen aus dem Leben Raiffeisens bildeten den Rahmen für die Generalversammlung des RRV NÖ-Wien im Raiffeisen-Jubiläumsjahr.

„Wir wollten anlässlich des Raiffeisen-Jubiläumsjahres die Geschichte der Idee Raiffeisens erzählen – einer Idee, die heute aktueller ist denn je“, erläuterte Pröll in seiner Begrüßung. Die Generalversammlung stehe im Zeichen des Dialogs. Es gehe um Sprechen, Zuhören, Verstehen und Diskutieren – „sehr analog und weniger digital“, so der Obmann.

In Zeiten der Globalisierung und großer multinationaler Unternehmen steige die Sehnsucht der Menschen nach Überschaubarkeit, demokratischen Strukturen und lenkbaren Systemen auch in der Wirtschaft – einfach nach den Idealen von Genossenschaften, unterstrich Pröll die Renaissance der genossenschaftlichen Rechtsform. Genossenschaft sei ein probates Modell für ein Wirtschaftssystem, bei dem der Mensch entscheidet, steuert und Einfluss hat. Eine zentrale Rolle im Konzept von Genossenschaften nehme der Revisionsverband ein – auch in Zeiten von Big Data. „Datenmüll versus Hausverstand und menschliche Vernunft, das soll Revision sein“, betonte der Obmann. Auch die Aufsichtsfunktion der Funktionäre sei gerade in einer immer komplexer werdenden Welt ein essentieller Bestandteil einer Genossenschaft. Seine Aufgabe als Obmann des Revisionsverbandes sieht Pröll als „Scharnierfunktion zwischen Vertretung der Mitglieder und Umsetzung der behördlichen Maßnahmen“.
Über die Aufgabe der Revisoren sprach Scheuba mit dem Direktor des RRV, Johannes Leitner. Wie zu Zeiten Raiffeisens seien diese auch heute noch für die Gründung und Begleitung von Genossenschaften verantwortlich. Geändert haben sich dagegen die Aus- und Weiterbildungspflichten von Revisoren, weiß Leitner. Wichtig damals wie heute sei aber, dass Revisoren „die Gabe haben, mit dem Landvolke zu verkehren“, zitierte Leitner aus den Schriften von Raiffeisen. Das abgelaufene Geschäftsjahr sei jedenfalls „unspektakulär“ verlaufen. Bei einer Bilanzsumme von 9,13 Mio. Euro und einem Umsatz von 4,6 Mio. Euro wurde ein Ergebnis nach Steuern von 214.000 Euro ausgewiesen.
Vor mehr als 130 Jahren wurde die erste Raiffeisenbank in Niederösterreich gegründet. „Wenn Raiffeisen heute hier wäre und so eine Generalversammlung miterleben würde, hätte er seine Freude“, ist der Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, Erwin Hameseder, überzeugt. Denn die Raiffeisen-Familie in Niederösterreich und Wien sitze zusammen, um über entscheidende Punkte ihrer Kredit-, Agrar- und sonstigen Genossenschaften abzustimmen. Raiffeisen Österreich habe sich als Dienstleister, wesentlicher Steuerzahler, großer Arbeitgeber und Innovationsmotor für Österreichs Wirtschaft etabliert, zeigte sich der Obmann stolz. Die Herausforderung für Funktionäre sieht Hameseder in Zeiten von Globalisierung, Technisierung und Digitalisierung in den steigenden regulatorischen Anforderungen. Bildung sei der richtige Weg, die von der Aufsicht geforderten Fit&Proper-Prüfungen für Funktionäre zu bewältigen. Gleichzeitig ließ Hameseder aber auch Kritik an den zunehmenden Regularien durchklingen, die „wirtschaften im wahrsten Sinne des Wortes volkswirtschaftlich beeinträchtigen oder sogar behindern“.
Auch die Stellung der Frau war Thema im Dialog zwischen Hameseder und Scheuba: Während bei Friedrich Wilhelm Raiffeisen dessen Tochter Amalie maßgeblich an der Entwicklung seines Lebenswerks beteiligt war, sei Raiffeisen Österreich nach wie vor ein „Männerverband“, gab der Obmann zu. Dennoch habe sich in den vergangenen Jahren beim Thema Frauen viel getan und es sei für ihn, Hameseder, eine „Verpflichtung“, dass sich die Mitarbeiterschaft, das Management und die Funktionäre von Raiffeisen analog zur Gesellschaft zusammensetzten.