THE SOUND OF MЮЗIК

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Der Steirische Herbst findet erstmals mit neuer Intendantin statt. Sie inszeniert das Festival als künstlerische Antwort auf den Faschismus.

Von Stefan Niederwieser

Victoria Lomasko – Lenin lebt! Dafür lebe ich!

Graz war schon nervös. Wie sollte man wissen, was einen erwartet, wenn man nur Namen zu Gesicht bekommt, die man nicht kennt, und außerdem nicht erfährt, was sie machen werden. Vielleicht lief es ja einfach nicht nach Plan und man wollte sich so Zeit verschaffen. Das Festival Steirischer Herbst hatte eine neue Intendantin, Ekaterina Degot, die alte war planmäßig mit vielen Rosen verabschiedet worden und hatte nach einem Anruf aus dem Wiener Rathaus dort den Job als Kulturstadträtin übernommen. Sie hinterließ recht große Fußstapfen, die es nun auszufüllen gilt. In dieser Situation unterlief der Steirische Herbst gleich einmal die Erwartungen, indem er kein detailliertes Programm vorlegte, sondern nur die Namen von Orten und Künstlern. Das aber hatte seinen guten Grund.
Denn vieles entsteht erst vor Ort. Beispielsweise erarbeitet die Performancegruppe Bread & Puppets ihre Figuren in Workshops mit der Grazer Bevölkerung. Deshalb bleibt es eine Überraschung, wie sie das Festival heuer konkret eröffnen werden. Klar ist, dass sie mehrere Kilometer im öffentlichen Raum zurücklegen und dabei vom Hauptbahnhof bis zum Schlossberg ziehen werden. So soll das Festival auch bei Leuten ankommen, die vielleicht gar nicht wissen, dass es stattfindet. Andererseits wurde viele Arbeiten vom Festival selbst beauftragt und in einem langen Austausch mit dem Team auch adaptiert. Der andere Grund liegt im veränderten Konzept. Der Steirische Herbst wurde diesmal eher wie eine Ausstellung konzipiert, die man vier Wochen lang erkunden kann. Deshalb spielen die Orte in der Stadt eine größere Rolle. Wie etwa der Kriegssteig, der den Schlossberg hinauf führt und seit Jahren in Friedenssteig umbenannt werden soll. Oder das Volkshaus, die Arbeiterkammer und die Zentrale der Kommunistischen Partei.
„Volksfronten“ wurde als Leitthema ausgegeben, und das klingt absichtlich recht martialisch. Volk, so die Intendantin Ekaterina Degot, klinge für Muttersprachler immer problematisch, weil es mit der Nazi-Ära assoziiert werde. Das Wort „Volksfront” wurde dagegen in den 1930ern von Antifaschisten verwendet, aber auch von jüngst von ultrarechten Gruppen in den USA. Heute sieht Degot alarmierende Zeichen der Zeit vor neunzig Jahren – der Freizeitspaß in den sozialen Netzwerken würde die Menschen entpolitisieren und taub machen für staatliche Propaganda, Manipulation, Fremdenfeindlichkeit und „rassische“ Segregation.
Ekaterina Degots Vorwort im Handbuch des Steirischen Herbsts liest sich generell gar nicht wie viele andere Texte, die derzeit auf  europäischen Kulturfestivals im Umlauf sind. Im Programm kommt das Wort „queer“ ein einziges Mal vor, „Faschismus” dagegen 37 und „Nationalismus” noch elf Mal. Immer wieder erinnert die Intendantin auch an die Anfänge des Steirischen Herbsts. Vor
50 Jahren war das Berufsverbot von vielen alten Nazis aufgehoben worden, der konservative Politiker Hanns Koren gründete den Herbst deshalb als weltoffenes Festival. Es war das erste Festival für neue Kunst in Europa.
Zehn Jahre zuvor wurde Ekaterina Degot in Moskau geboren. Sie studierte Kunstgeschichte, nebenher lernte sie Deutsch. In den Achtzigern leitete sie dann die staatliche Tretjakow-Galerie. Über die Zeit in der Sowjetunion sagt sie nicht nur Schlechtes. Man konnte nicht reisen und war isoliert, hat die Umstände aber akzeptiert wie das Wetter, denn innerhalb der Mauern hätte es durchaus Freiheit und Subversion gegeben. Es gab kritische Ironie, die heute gegenüber dem Kommerz nicht mehr möglich sei. Anfang der Neunziger war sie dann als Journalistin tätig, durch die Ausstellung „Austria im Rosennetz“ wurde 1996 ihr Interesse für österreichische Kunst geweckt. Kuratiert wurde sie von Harald Szeemann im MAK, dort hätte sie gelernt, auch kleine Namen und Nicht-Künstler zu zeigen. Ein Jahr später kam sie als Expertin für russische und sowjetische Kunst erstmals nach Graz.
Die Sorge, dass mit Degot zu viel Kunst zum Herbst kommt, scheint unbegründet. Performance, Musik oder Theater sind nach wie vor stark vertreten. Der Blick nach Osten lässt sich hier in den kommenden fünf Jahren aber sicher schärfen. Und der für die politische und künstlerische Gegenwart.

 

Steirischer Herbst wird am 20. September erstmals bei freiem Eintritt eröffnet. Das Bread & Puppet Ensemble zieht dabei vom Hauptbahnhof bis zum Schlossberg. Die Band Laibach wird als Abschluss ihre Version von „Sound of Music“ auf den Kasematten aufführen, dafür sind Tickets nötig.

Erstmals gibt es einen Festivalpass um 29 Euro. Dieser ist für die meisten Veranstaltungen nötig und ermöglicht Zutritt zu allen Ausstellungen. Auch Platzkarten können damit reserviert werden. Für das Musikprotokoll erhält man damit ermäßigten Eintritt. Pass-Besitzer können das Programm zudem mit drei Touren entdecken, die insgesamt acht Stunden dauern. Außerdem erhält man ein Guidebook, das den kuratorischen Ansatz der Arbeiten erklärt. Bis 14. Oktober.

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