Träumerischer Mozart und feuriger Strawinsky

Träumerischer Mozart und feuriger Strawinsky

In Grafenegg brillierten Rudolf Buchbinder und das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung der künftigen Chefdirigentin des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien.

Von Johannes Koprivnikar

In den 1960er-Jahren bildete es den stimmigen Soundtrack zum tragischen Liebesfilm „Elvira Madigan“ und wurde damit so populär, dass es fortan immer wieder missbraucht wurde und wird: das Andante-Thema in Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467. Musikfreunden steigt gelegentlich die Galle hoch, wenn sie dem Andante-Satz des Konzerts, herausgelöst aus dem Kontext der Ecksätze und noch dazu am falschen Ort, begegnen. Auch als Behübschungsmusik in den Maschinen der rot-weiß-roten Fluglinie war das Andante schon zu hören und manches Restaurant benützt es als akustischen Essensbegleiter.

Rudolf Buchbinder (c) Marco Borggreve

Gewiss, man kann andere Sorgen haben. Aber wie befriedigend ist es doch, wenn dieses Konzert wieder einmal in seiner Gesamtheit zu hören ist. So geschehen vergangenes Wochenende beim Festival Grafenegg, wetterbedingt im Auditorium und nicht im Wolkenturm. Wenn es dann noch ein Pianist von den Graden eines Rudolf Buchbinder ist, der sich des Soloparts annimmt, dann kommt die Klassik-Welt wieder in Ordnung.
Das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung der ab September 2019 als neue Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien wirkenden Marin Alsop trat nach der federnden Einleitung des Marsch-themas im ersten Satz durch die Streicher und die dann einfallenden Bläser in beredten Dialog mit dem Solisten. Mehr noch, es wuchs mit ihm zusammen, wie es der für den reifen Mozart des Entstehungsjahres 1785 typische ins „Symphonische“ reichende Konzertstil erfordert.
Als Vorahnung auf die im zweiten Teil des Abends folgende opulente „Feuervogel“-Musik Strawinskys spielten die Musiker in großer Besetzung auf und sorgten damit für anregende Abwechslung im heutzutage stark von akademisch-historisierender Verschlankung geprägten Konzertalltag. Das Andante-Thema „sang“ das Royal Philharmonic Orchestra – an das Diktum des Musikforschers Alfred Einstein erinnernd, wonach es sich dabei um eine „von allen Rücksichten auf die Menschenstimme befreite ideale Arie“ handle.
Was exakte, nur an das Orchester gerichtete Zeichengebung und weniger im Interesse der Publikumswirksamkeit choreographiertes Dirigieren wert sein kann, zeigte Marin Alsop bei Strawinskys Ballett in zwei Bildern „Der Feuervogel“ (Fassung 1910). Dank Alsops Umsicht konnte das riesige Orchester bei diesem Reißer der Ballettmusik, mit dem Strawinsky den Durchbruch als Komponist schaffte, sowohl in seiner Gesamtheit als auch in den solistischen Passagen souverän all seine Stärken ausspielen. Großer Jubel, Bravo-Rufe, welche die Londoner Gäste mit einer Zugabe beantworteten.

Posted in: