Traurig schöne Musik aus 0043

Traurig schöne Musik aus 0043

Das legendäre U4, das Rhiz am Gürtel, das Voom Voom oder das Flex am Donaukanal. Elf Orte stehen im Mittelpunkt von „Ganz Wien”, einer Ausstellung über mehr als 50 Jahre Popmusik in Wien.

Von Stefan Niederwieser

Natürlich sind Falco, Ambros und Kruder Dorfmeister dabei. Von ihnen sind jetzt im Wien Museum selten gezeigte Videos zu sehen, rare Plattencovers oder manchmal ihre originalen Instrumente oder Kostüme. Von Drahdiwaberl sind die Lederstiefel und eine selbstgebaute Attrappe einer Maschinenpistole vor Ort. Bilderbuch geben einen goldenen, matt schimmernden Anzug her, Wanda ihre ikonische, braune, abgewetzte Lederjacke. Und vom blutjungen Udo Jürgens ist eine handsignierte Autogrammkarte zu sehen – was heutzutage ungefähr dem entspricht, wenn eine Band mit bunten Herzen auf Youtube-Kommentare reagiert.
Elf Orte in Wien stehen im Zentrum der sehr umfangreichen Ausstellung. Sie ist chronologisch angeordnet, an den Wänden hängt sehr viel historisches Material, begleitet von kleinen Beschreibungstexten. Währenddessen geben in der Mitte des Raums halboffene Kabinen ganz konkrete Einblicke in das musikalische Leben der Stadt, mit Videos, alten Live-Aufzeichnungen und Fernsehbeiträgen. „Ganz Wien“ setzt dabei kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an, bei der Wiener Gruppe und dem Jazz.

Friedensreich Hundertwasser mit 24 Jahren im Strohkoffer, der so nach der Wandverkleidung hieß. (c) Lessing / Blidarchiv der Oenb

Gerade einmal 48 Quadratmeter war der Strohkoffer klein, in einem Keller im Ersten Bezirk, ab 1951 geöffnet und das nur zwei Jahre lang. Dennoch trafen sich hier im Strohkoffer, in einem Raum, der heute als Lager der Loos Bar dient, zahlreiche Menschen, die das kulturelle Leben der zweiten Republik geprägt haben, von Malerei und Musik bis Architektur, Kunst und Literatur. Die Popmusik der Zeit beschränkte sich damals noch darauf, US-amerikanische Vorbilder einzudeutschen und glatt zu bügeln. Es wurden Schlager produziert, denn Rock’n’Roll galt vielen Leuten als zu wild und amerikanisch.

Beat-Musik im Star Club Wien
Richtig geändert hat sich das erst, als die Beatles es schaffen, eine kunstvolle, europäische Antwort auf die neue Musik aus den USA zu liefern. Die Hitparade wurde eingeführt und die Pilzköpfe stehen auch in Österreich mehrmals an ihrer Spitze. Gleichzeitig schafft es auch erstmals eine österreichische Band den ersten Platz zu erklimmen, nämlich die Bambis mit „Melancholie“. Es herrscht reges Interesse an Beat-Musik, in Wien kann man sie beim Tanztee der jungen Generation Ottakring hören, aus dem kurz darauf der deutlich bekanntere Star Club Wien hervorgeht – benannt nach dem Star Club in Hamburg. Am Schuhmeierplatz in Ottakring treten zahlreiche, heimische Beat-Bands auf, Singles werden aufgenommen, ohne aber international weiter aufzufallen.
Um die historische Aufarbeitung dieser Jahre hat sich in jüngsten Jahren Al Bird Dirt äußerst verdient gemacht. Aus seiner Sammlung stammen zahlreiche Exponate. Wer sich davon ein Stück mit nach Hause nehmen möchte, dem sei die Reihe “Schnitzelbeat” empfohlen, auf dem die Juwelen seiner archivarischen Arbeit nachzuhören sind.
Je länger man sich in „Ganz Wien“ aufhält, desto klarer wird es, dass es die richtigen Orte braucht, an denen Menschen zusammenkommen, feiern, sich unterhalten, gemeinsam Musik hören und sich ausprobieren können.
Man hätte die Ausstellung einfach mit Plattencovers, alten Instrumenten und Beschreibungstexten vollstopfen können. Die Gefahr dabei ist, dass beim Publikum nicht allzu viel hängen bleibt. Man hat stattdessen versucht, die Geschichte zu ordnen. Und das sind eben elf Orte, an denen sich das musikalische Schaffen Wiens verdichtet.
Es ist ein Versuch. Es gibt nun sehr gute Gründe für alle Lokalitäten diese auszuwählen. Das Konzept stößt aber auch an seine Grenzen. Warum die besetzte Arena nicht ausgewählt wurde, bleibt ein Rätsel. Ein anderer Ort, an dem seit Jahrzehnten Musik sehr erfolgreich gespielt wird, der für Kruder und Dorfmeister ein sehr wichtiger Einfluss war, fehlt ebenfalls, nämlich der Volksgarten. Geschichte franst eben aus und findet an vielen Plätzen, in Kellern, Bars und Proberäumen statt.

Georg Danzer überreichte 1975 Josefine Hawelka
eine Single von „Jö schau“. Erst Jahre später konnte Danzer den Ruf als Spaß-Liedermacher ablegen. (c) Wolfgang Sos

Das Funkhaus zählt nicht zu den klassischen Orten, an denen Fans ihre liebsten Bands live sehen. Aber Medien können das Interesse an Musik verstärken. Austropop hätte es ohne das Funkhaus in dieser Form nicht gegeben. In „Ganz Wien“ ist es konsequenterweise vertreten. Das Popfest andererseits war schnell zu klein für die erfolgreichsten Künstler der letzten Jahre. Weder Raf Camora noch Bilderbuch, Wanda, Seiler Speer, Klangkarussell oder Christina Stürmer haben am Popfest gespielt.

 

Ganz Wien Pop bei Nacht
Wer weiter in der Geschichte der Wiener Pop-Musik stöbern möchte, für den gibt es durch das rege Interesse in jüngster Zeit zahlreiche Publikationen. „Wien Pop“ im Falter Verlag hat viele Protagonisten getroffen, interviewt und zu einer oral history zusammengefügt. „Wien bei Nacht“ hat auf der anderen Seite dasselbe versucht wie die Ausstellung, nämlich die Pop-Musik-Geschichte anhand der zentralen Orte zu erzählen, an denen diese Musiker sich getroffen und ausgetauscht haben. Und natürlich gibt es zur Ausstellung selbst auch einen Katalog mit 200 Seiten mit bunten Bildern aus Punk, Beat, Downbeat, neuem Wiener Lied oder natürlich auch dem jungen Falco.