Übersinnliches, Allzuübersinnliches

Übersinnliches, Allzuübersinnliches

Der RLB Kunstpreis geht an Karin Ferrari für Videos, die Verschwörungstheorien und Fake News weit ins Unterholz folgen.

Von Stefan Niederwieser

Das Auge des Horus sieht alles. Und Katy Perry trägt es gleich mehrfach. Ihre Sklaven dagegen tragen goldene Käfige als Kopfschmuck und Boxershorts, auf denen „Pharaoh“ geschrieben steht, sie gehören den Eliten mit Haut und Haaren, sie werden ausgebeutet und unterdrückt. Katy Perry sitzt währenddessen auf einem Thron, ihr wird ein Diamant überbracht, den sie mit einem Prisma prüft – „Prism“ ist dabei nicht nur der aktuelle Albumtitel, sondern auch der Name eines Überwachungsprogramms eines US-Geheimdiensts. Das Video zum Song „Dark Horse“ steckt voller Symbolik, Katy Perry wird darin nicht nur als ägyptische Herrscherin inszeniert, sie wird in die Geheimnisse sozialer Hierarchie und Kontrolle eingeweiht. Später im Video wird sie wiedergeboren und breitet wie die Göttin Isis ihre Flügel aus, sie steht am obersten Ende einer Pyramide, einem gigantischen allsehenden Auge, das die sterblichen Menschen überwacht.

(c) Raiffeisen/Oss

Diese versteckten Botschaften hat die Künstlerin Karin Ferrari entschlüsselt. Ihre Videoanalyse dauert zwanzig Minuten, dutzende geheimer Codes würden sich in dem nicht einmal vierminütigen Popclip verstecken, der mehr als zwei Milliarden Mal angeklickt wurde. Karin Ferrari lässt sich davon nicht blenden. Im Netz gibt es unzählige Videos, die dem von Karin Ferrari ähneln, nicht nur auf Youtube. Auf Gaia.com etwa findet man Videos, die das Bewusstsein erweitern sollen, zehn Euro kostet ein Abo monatlich, dafür wird man mit Material zu Wahrheitssuche, antiken Ursprüngen, alternativer Gesundheit oder Vertuschungen versorgt. Karin Ferrari imitiert in ihren Arbeiten den Stil dieser Videos, ihre Sprache, ihre Ästhetik und Logik. Zusammenhänge werden hergestellt, wo scheinbar keine sind. Und Ferrari reichert sie mit eigenen Ideen und Recherchen an. Dafür hat sie kürzlich den Hauptpreis des RLB Kunstpreises  bekommen.
Bei der Präsentation des Preises meinte Karin Ferrari, dass man ja oft nicht wisse, wer im Pop hinter den Kulissen operiert, es wäre ein Trick des Konsumkapitalismus, alle glauben zu lassen, dass es jeder schaffen kann. Einmal hätte sich eine ihrer Theorien über das Logo des ORF sogar als wahr herausgestellt. Ob die Künstlerin diese Verschwörungstheorien nun künstlerisch überhöht – oder ob sie vielleicht auch ein Stück weit selbst daran glaubt, ist im Grunde egal. Für die Betrachter ihrer Arbeiten eröffnet sich eine faszinierende, höchst artifizielle Welt, die man eher aus Esoterikgeschäften, denn aus Galerien kennt. Sie macht das Publikum zu Komplizen in einem Spiel, in dem die Wahrheit scheinbar schillert. Ferraris Arbeiten sind zudem kurzweilig anzusehen – eben weil sie dem, was in Ausstellungen üblich ist, so gar nicht entsprechen.
Auch Annelies Senfter recherchiert viel, sie geht allerdings behutsamer vor. Zwei Jahre lang hat sie Häuser und Villen in Westösterreich besucht, die früher jüdischen Besitzern gehört haben. Sie hat um Blätter alter Bäume gebeten, hat diese getrocknet und stellt die Blätter, die sonst in dunkeln Räumen lagern müssen, nun als ein „Herbarium“ aus. Die Wurzeln vieler Pflanzen stammen noch aus einer Zeit, in der sie auf dem Grund jüdischer Besitzer waren. Die Idee zu dieser Serie kam Annelies Senfter, als sie vor zehn Jahren die Villa Trapp besucht und bei einer Begehung gehört hatte, dass die Bäume noch ganz klein gewesen wären, als die Familie flüchten musste.
Die Recherche ist in Anja Manfredis Arbeiten allerdings nicht so deutlich sichtbar. Sie hat sich beispielsweise mit den pädagogischen Konzepten der Montessorischulen beschäftigt. Diese übersetzt sie in zehn Objekte – zehn Stäbe, die insgesamt zwei Meter lang sind. Dabei soll bewusst offen bleiben, wozu diese Objekte nützlich sind. Sie ordnet diese zu kleinen Stillleben an und fotografiert sie im Großformat, also mit sehr großen analogen Fotonegativen von neun mal zwölf Zentimetern, die heute noch etwas komplizierter zu entwickeln und auszubelichten sind, also sie dies vor zwanzig Jahren ohnehin schon waren. Nur so wäre die Schärfe möglich, so Anja Manfredi, die das Auge täuschen soll, ob hier Objekte oder doch ihre Abbilder zu sehen sind. Auch sie spielt mit den Sinnen, mit Objekten und dem, was über sie hinausweist.

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