Unbekanntes Pharaonen-Objekt

Unbekanntes Pharaonen-Objekt

Sie war vier Jahrtausende das höchste Bauwerk der Welt. Was aber hat Menschen be­wegt, dieses Welt­wunder zu bauen.

Von Stefan Niederwieser

Büste des König Menkaure, der vor über 4500 Jahren die dritte Pyramide von Gizeh erbauen ließ. (c) Mamuz (2)

Sie sind unglaublich alt. Als Kleopatra mit Caesar eine Affäre beginnt und um die Herrschaft am Nil kämpft, müssen ihr die Pyramiden sehr fern vorkommen. Für Kleopatra sind sie schon älter, als es das Pantheon in Rom, das Kolosseum oder die Engelsburg für uns heute sind. Die größte Pyramide, in der König Chufu begraben liegt, ist ein Meisterwerk, mehr noch als die anderen. Die Seiten sind gleich lang und sie zeigen in die vier Himmelsrichtungen, das Fundament ist ganz plan, die Maße weichen weniger als ein Promill voneinander ab. Die Pyramide ist mit weißem Tura-Kalkstein ummantelt, der sie gleichmäßig am Horizont strahlen lässt. So wird sie genannt, Achet Chufu, der Horizont des Chufu. Erst im Mittelalter wird die helle Schicht abgetragen, weil man den Stein für andere Zwecke braucht, für Moscheen und Häuser, sie schrumpft dadurch ein wenig. Als sie errichtet wird, ist die Pyramide von Chufu 440 Königsellen lang und 280 Königsellen hoch (eine Königselle entspricht knapp mehr als einem halben Meter). Sie ist die höchste Pyramide der Welt und eines der klassischen Weltwunder.
Sein Sohn Chafre lässt ebenfalls eine Pyramide bauen, sie scheint sogar noch höher, aber das trügt. Sie steht auf einem Plateau, die Verkleidung ist teilweise noch erhalten. Der abschließende Stein an der Spitze, das Pyramidion, fehlt so wie bei fast allen Pyramiden. Vor rund 4600 Jahren wurde dieser Bautyp im Alten Reich der Ägypter erfunden – und schnell perfektioniert. In nur hundert Jahren wurden die fünf höchsten Pyramiden am Nil errichtet, danach erreichten sie nie mehr denselben Glanz.
Chufus Vater – König Snofru – hat alleine drei von ihnen errichten lassen. An ihnen lässt sich ablesen, wie schnell ihre Bauweise entwickelt wurde. Die erste Pyramide sollte zuerst sieben Stufen haben, dann wurde sie auf acht aufgestockt, zuletzt bekam sie einige Jahre später eine gleichmäßige Ummantelung, die Stufen verschwanden, sie wurde zur ersten, echten Pyramide. Für kurze Zeit war sie das höchste Gebäude der Welt. Die nächste Pyramide Snofrus wurde gleich als echte geplant, weil aber durch den weichen Untergrund Risse im Mauerwerk entstanden, musste man den oberen Teil flacher bauen. Sie erhielt dadurch einen Knick, den man nur bei ihr findet. Die rote Pyramide in Dahschur ist deshalb weniger steil. In ihr liegt Snofru wohl begraben, in einer Kammer von acht mal vier Metern. Ein Sarkophag wurde nicht gefunden.


Das Wissen um die Pyramiden ging langsam verloren. Als Kleopatra lebt, weiß man schon nicht mehr sicher, wer sie erbaut hat – und auch nicht wie. Die Zeichen in den Grabkammern können da schon nur mehr wenige Menschen lesen. Spätestens als die Römer nach und nach zum Christentum übertreten, gerät dieses Wissen in Vergessenheit. In Europa denkt man lange, die riesigen Bauten waren Kornspeicher, die unter grausamen Pharaonen von tausenden Sklaven errichtet wurden. Die Faszination bleibt über die Jahre ungebrochen. Man erforscht Schächte und Kammern, Bauweise und die Nekropolen, die sich rund um die Pyramiden erstrecken. Heute noch entdeckt man Neues. Erst letztes Jahr erfuhr die Öffentlichkeit von einem etwa dreißig Meter langen Hohlraum über Chufus Königskammer. Man weiß nicht, was sich darin befindet. Rund um die Pyramide von Chufu sind zudem fünf Bootsgruben in den Boden eingelassen, die 4500 Jahre lang mit schweren Steinen verschlossen waren. Man entdeckte in ihnen Barken, die in ihre Einzelteile zerlegt waren und dem König wohl helfen sollten, ins Jenseits überzusetzen. Eines der Boote wurde wieder zusammengefügt, es ist mehr als 40 Meter lang, aus libanesischen Zedern gefertigt, es ist das älteste Boot der Welt, das heute noch schwimmen kann.
Wir lernen noch immer mehr über diese Weltwunder hinzu. In Mistelbach sind nun zahlreiche Modelle ausgestellt, nicht nur von Pyramiden mit ihren Kammern und Gängen, die sie im Inneren bergen, sondern auch von Tempelanlagen aus den späteren Reichen. Man kann Figuren sehen, wie sie Baublöcke in die Höhe hebeln, oder wie sie Steine über Rampen in die Höhe bringen. Führten diese Rampen außen oder innen an die Spitze, in Spiralen oder zickzack, darüber streiten Forscher schon lange. In der Ausstellung kann man sich selbst ein Bild davon machen und rätseln, wie eine solche Leistung mit einfachen Werkzeugen und Muskelkraft möglich war. In anderen Räumen des Museumszentrums ist Schmuck zu sehen, sind kleine Figurinen und altes Werkzeug ausgestellt, ja sogar das Pyramidion des vermutlich ältesten aus Granit bestehenden Obelisken. Obelisken standen meist paarweise vor Tempeln. Sie waren dem Sonnen- und Reichsgott Re geweiht und sollten eine Verbindung zur Götterwelt herstellen. Die meisten wurden geraubt, Kaiser Augustus ließ viele abtransportieren. Sie stehen heute in Rom, Istanbul, London oder New York. Man hatte vor den Reichtümern von Besiegten wenig Respekt. Sie zurückzugeben, daran denkt man heute aber offenbar auch nicht.
Mit Kleopatra endete die Zeit der Pharaonen. Die Römer übernahmen die Herrschaft am Nil, Ägypten wurde zur Provinz. Mit ihnen verbreitete sich die ägyptische Kultur im Reich, vor allem der Kult um Isis und Osiris. Manchmal wurde er verboten, dann wieder von den Kaisern selbst unterstützt. Isis überwindet den Tod, sie wird zu einer alles überstrahlenden Göttin der Geburt und ein Symbol archaischer Weisheiten. Es haben schon viele Menschen die Frage gestellt, wie weit sie frühe Christen beeinflusst hat. Tod und Wiedergeburt werden später zum größten Mysterium der Christenheit. Und Mutter Maria hält ihren Sohn in manchen Bildern an ihrer Brust fast genau so, wie Isis das auf älteren Bilder mit einem kleinen Kind tut.
Die zweite Ebene der Ausstellung zeigt nun den Einfluß des alten Ägypten auf spätere Zeiten. Als Napoleon nicht nur seine Truppen, sondern auch zahlreiche Wissenschafter bis an den Nil führt, löst das eine Ägyptomanie aus, die Architektur, Inneneinrichtung und Mode erfasst. Es entstehen Entwürfe für Grabmäler, Pantheons, Denkmäler und Fabriken, die uralte Formen aufgreifen. Als Menschen in der Neuen Welt die Idee deklarieren, dass alle Menschen gleich erschaffen sind, und sie die Vereinigten Staaten von Amerika ausrufen, setzen sie eine Pyramide auf ihre neue Währung, den Kontinental-Dollar, die sich bis heute hält. In ihrer neuen Hauptstadt lassen sie zum hundertsten Geburtstag ihres ersten Präsidenten einen Obelisken errichten. Das Washington Monument wird für ein paar Jahre das höchste Bauwerk seiner Zeit.

„Faszination Pyramiden“ im Mamuz Museum Mistelbach bis 25. November