Vielschichtig wie die Musik – das Akkordeon

Vielschichtig wie die Musik – das Akkordeon

Vom 23. Februar bis 24. März gibt sich die österreichische und internationale Akkordeon-Elite zum 20. Mal in Wien
ein Stelldichein.

Von Sandra Schäfer

Wien, Weltstadt der Musik – ein Titel, der in erster Linie den unzähligen Komponisten zu verdanken ist, die im Laufe der Jahrhunderte in der ehemaligen Habsburger-Residenzstadt wirkten. Doch auch abseits der adeligen Höfe und Konzertsäle formt sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine weitreichende Musiktradition. Am 23. Mai 1829 meldete der Instrumentenbauer Cyrill Demian ein Patent auf das von ihm und seinen Söhnen entwickelte „Accordion“ an – das erste Mal, dass der Name Akkordeon auftaucht. In Folge erspielt sich das Instrument in zahlreichen unterschiedlichen Bauformen einen fixen Platz nicht nur in der heimischen volkstümlichen Musik, sondern erlebt auch weltweit einen enormen Aufschwung. Die Vielfalt der Bauarten des Akkordeons erstreckt sich bald vom Chromatischen-, Diatonischen-, Wiener- oder Knopf-Akkordeon bis hin zum Pianotastenakkordeon, Bandoneon, Bajan und viele mehr.

Im 20. Jahrhundert sinkt das Akkordeon hierzulande jedoch spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten – denen auch das Wienerlied, in dem das Akkordeon großzügig zum Einsatz kam, als subversiv galt – zur Bedeutungslosigkeit herab. Erst Ende der 70er-Jahre kommt es mit Karl Hodina und Roland Neuwirth und seinen Extremschrammeln zu einer Renaissance des Wiener Lieds und langsam erobert auch qualitative Akkordeonmusik wieder die Bühnen der Stadt.

(c) Dietmar Lipkovich

Musikgruppen wie Attwenger oder Ausnahmetalente wie Otto Lechner läuten in den 90er-Jahren eine österreichweite Renaissance des Instruments auf den Konzertbühnen ein. Auch die Werke des argentinischen Tango-Erneuerers und Bandoneon-Spielers Astor Piazzolla erfreuen sich international großer Beliebtheit. Als Großmeister des Jazz-Akkordeons gilt der französische Musiker Richard Galliano, der stark von der Zusammenarbeit mit Piazzolla geprägt wurde. Galliano, Attwenger und Lechner, sie alle sind langjährige Gäste des Wiener Akkordeonfestivals und werden auch dieses Jahr auf gewohnt hohem Niveau zur „Quetschen“ – wie man auf gut Wienerisch sagt – greifen. Jazz trifft auf Wiener Lied, Klassik auf Rock und Pop, traditionelle Volksmusik präsentiert sich im neuen Gewande. Eine Offenheit der Musikströmungen, die bewusst gewählt ist, spiegelt sie sich doch in der enormen Einsatz-Bandbreite des Instruments wider. „Ein Akkordeonfestival mit einer derartigen Vielfalt der Musikrichtungen in dieser Qualität ist weltweit einzigartig“, betont Festival-Initiator Friedl Preisl.

Erste Festivalklänge

Die Idee für das Festival kam ihm 1999, als er im Zuge einer Veranstaltungsreihe, die er in einem Gasthaus organisierte, drei unterschiedliche Akkordeonspieler einlud. „Erst damals habe ich realisiert, wie vielschichtig das Akkordeon ist. Zudem hatte ich das Glück, dass ich regelmäßig Konzerte von Otto Lechner im kleinen Rahmen besuchen durfte. Ich fand, dass Otto Lechner ein Weltstar ist – nur keiner wusste es. Irgendwann fragte ich ihn, was er davon hält, wenn ich ein Festival organisiere. Seine Antwort lautete, ob ich verrückt sei, der Zug sei längst abgefahren. Aber ich war nicht mehr abzuhalten und startete im Jahr 2000 im kleinen Rahmen“, so Preisl.

Was damals mit zwölf Konzerten von Musikern aus Österreich, Slowenien und der Schweiz begann, entwickelte sich rasch zum einmonatigen Festival mit täglich mehreren Programmpunkten. Heuer sind es über 50 Konzerte. Etablierte Künstler wie Walther Soyka, Martin Spengler, Dobrek Bistro und die Gruppe Alma, die am 23. Februar die Eröffnungsgala im Stadtsaal bestreiten wird, treffen auf Newcomer wie Three for Silver aus den USA. Erstmals dabei ist dieses Jahr auch Zoë, die vielen noch durch ihre Teilnahme beim European Songcontest 2016 ein Begriff sein dürfte.

Kein Best-of

Ein besonderes Programm wie ein „Best-of“ wollte Preisl zum 20. Jubiläum jedoch nicht gestalten: „Das erzeugt zu viel Stress und ist außerdem immer ungerecht.“ Dementsprechend bleibt alles beim Alten und bietet doch wie gewohnt jede Menge Überraschungen. Dazu zählen sowohl die Überraschungsgäste, die gemeinsam mit der Wiener Tschuschenkapelle – die im Rahmen des Festivals ihr 30-jähriges Jubiläum feiert – für Unterhaltung sorgen werden, als auch die ungewöhnlichen Instrument-Kombinationen, die das Publikum heuer erwarten. Das Akkordeon ist schließlich vielen ein guter Begleiter. So trifft es beispielsweise in den Händen von Valentin Butt auf die Harfenklänge von Anna Steinkogler oder gespielt von Walther Soyka auf die Töne der Zither von Karl Stirner. Letzteres eine musikalische Mischung, die zur Begleitung des russischen Science-Fiction-Filmes „Aelita“ aus dem Jahr 1921 im Filmcasino erklingen wird. Das Konzert ist eines von fünf Stummfilm-Matineen. Neben Buster Keatons „Steamboat Bill, Jr.“ (begleitet von Tino Klissenbauer und Vlado Blum) werden heuer „Oliver Twist“ (mit Stefan Sterzinger und Franz Schaden) und „Three Must-Get-Theres“ vom französischen Komödienpionier Max Lindner (in Begleitung von Alexander Shevchenko und Maciej Golebiowski) über die Kinoleinwand flimmern.

Ebenfalls erneut im Programm befindet sich eine Reihe von Workshops für Anfänger bis Fortgeschrittene. Die Möglichkeit junge Talente zu hören bietet ein Nachwuchskonzert der Musikschule Wien. Mit dem russischen Akkordeonisten Sergey Osokin (der bereits mit sechs Jahren sein Studium der Musik aufnahm) und dem Oberösterreicher Paul Schuberth präsentieren sich zwei ehemalige Wunderkinder auf der Bühne mit spannenden Soloprogrammen. Gleich fünf Akkordeon-Instrumente erklingen schließlich bei einer von drei Abschlussgalas. Nach „Attwenger“ und „Otto und die anderen Register“ wird die Formation „Samurei“ mit Akkordeon-Großmeister Riccardo Tesi am 24. März noch einmal so richtig den Klang des Akkordeons huldigen. Spätestens dann sollte sich bei den Festivalbesuchern auch Frühlingsstimmung breitgemacht haben. Immerhin vertreibt „das Akkordeonfestival als erstes Musikfestival im Jahr die Winterdepression“, so Preisl. Nicht zuletzt ein Grund für den Veranstalter, warum das Akkordeonfestival so erfolgreich geworden ist.

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