Voll Hodler

Voll Hodler

Noch nie konnte man Ferdinand Hodler – den wichtigsten Schweizer Jugendstilmaler – so sehen wie derzeit im Leopold Museum.

Von Stefan Niederwieser

Wilhelm Tell war wirklich lange nicht mehr in Wien. Er hing in der Secession, ganz zentral, wenn man das Haus betritt, in dramatischer Pose. Der Schweizer Ferdinand Hodler hat den Schweizer Wilhelm Tell monumental abgebildet. Er war der Ehrengast der Frühjahrsausstellung 1904, viele seiner Bilder waren zu sehen, „Die Wahrheit“, „Der Tag“, „Der Frühling“ oder „Der Rückzug der Schweizer aus der Schlacht von Marignano“. Für Ferdinand Hodler bedeutete die Ausstellung den internationalen Durchbruch, die Kritiken überschlugen sich geradezu.
Das war nicht immer so. Gustav Klimt hatte ihn bereits zur allerersten Ausstellung der Secession 1898 eingeladen, die Hodler nicht annahm, ohne dass man heute die Gründe dafür kennt. Kurze Zeit später wurden einzelne Werke gezeigt, aber verhalten aufgenommen, Schwammerl drüber, schrieb die Satirezeitung „Der Floh“. Aber nur fünf Jahre später sehen 15.000 Menschen seine Bilder, zahlreiche kann er verkaufen.

(c) Kunstmuseum Solothurn

Wilhelm Tell ist jetzt wieder da, er wurde restauriert und darf wieder auf Reise gehen. Es ist die größte Ausstellung zu Ferdinand Hodler, die jemals in Österreich zu sehen war. Viele Exponate sind erstmals hierzulande ausgestellt, sie kommen aus Basel, Zürich, aus Genf oder dem Musée d’Orsay in Paris – neben Malereien auch Fotografien, Briefe oder ein alter Reisepass. Das Leopold hat tausende Seiten durchwühlt, ist in Archive gegangen und hat über eineinhalb Jahre lang echte Forschung betrieben.

Ver Sacrum
In Hodlers Werk kommen viele Strömungen zusammen, die damals die Avantgarde bestimmten, vor allem Symbolismus und Jugendstil, aber auch Moderne und Expressionismus kündigen sich in seinem Werk an. Der umfangreichen Hodler-Schau stellt man nun heimische Künstler gegenüber – Wahlverwandtschaften, so lautet deshalb der Untertitel. Seine Bilder sind Seite an Seite mit den bekanntesten österreichischen Malern der Jahrhundertwende zu sehen, zu thematischen Inseln gruppiert. Dadurch kommen Ähnlichkeiten ganz besonders zur Geltung, aber auch, was Hodler so einzigartig macht.
Immer wieder hat Hodler einzeln stehende Bäume gemalt, die mit ihrer Umgebung verwoben sind und beinahe schmuckhaft wirken. Sie erinnern mal an Egon Schiele oder Gustav Klimt. Gerade in der Zeit um 1900 verschmelzen Mensch und Natur miteinander, sein Ausstellungsplakat für die Secession übertitelt Hodler mit „Ver Sacrum“, Heiliger Frühling, also den Leitspruch der Secession. Es kündigt sich ein neues Zeitalter an, man ist auf der Suche nach kosmischen Wahrheiten, der Einheit des Menschen mit der Welt. Die teils überraschende Farbgebung Hodlers hatte großen Einfluß auf Koloman Moser ausgeübt. So erscheinen auf Gesichtern grüne, gelbe und blaue Farbtöne. Im Lauf seiner gesamten Schaffenszeit fertigt Hodler aber auch immer wieder Selbstporträts an, mal in lässiger Pose, mal mit expressivem Gesicht, mal mit einem Hang zur Abstraktion.

Monumental-Streit

(c) Privatbesitz, SIK-ISEA, Zürich


Albin Egger-Lienz war schwer beleidigt. Auch er ist auf der Suche nach einem neuen, monumentalen Stil, nach der Wiederbelebung des Historienbilds. 1907 malt er zwei knorrige, gesichtslose Figuren, „Die Bergmäher“, vor großen Farbflächen. Zwei Jahre später widmet sich auch Hodler einem bäuerlichen Mäher, die Ähnlichkeiten sind offensichtlich, nur fällt das kaum jemandem auf.  Ab 1912 ist Egger-Lienz dann Professor an der Kunsthochschule in Weimar, in unmittelbarer Nähe werden bei der Großen Kunstausstellung in Dresden zwölf seiner Werke gezeigt, aber gelobt werden fast nur Klimt und … Ferdinand Hodler. In einem Brief spricht er von einem traurigen Tag, die Zeitungen schreiben nicht günstig über ihn. Also lässt er einen Freund unter seinem Namen einen Artikel in der Wiener Zeitung verfassen, in dem er auch Hodler massiv attackiert: „Hodler ist eine Größe ersten Ranges, aber eine negative Größe, nicht eine schaffende, sondern eine zehrende Größe, […][/…] mit ihm stirbt eine Kunst im effektvollsten Geflacker technischer Gespensterdämmerung.“ Dass solche Böswilligkeiten nicht gut ankommen, ist abzusehen. Egger-Lienz stellt sich damit selbst ins Abseits.
Einzigartig in Hodlers Schaffen ist zweifelsohne seine monumentale Malerei. Aber auch etwas, was dem fast völlig entgegengesetzt ist, die intimen Bilder von seiner langsam sterbenden Lebensgefährtin Valentine Godé-Darel. 1908 lernen sich die beiden kennen, fünf Jahre später wird die gemeinsame Tochter Paulette geboren. Da ist Valentine bereits an Tuberkulose erkrankt. Ferdinand Hodler dokumentiert den Verfall auf dramatische Weise, die Wangen seiner Geliebten fallen immer mehr ein, ihre Haltung wird zunehmend schwächer, bis sie schließlich im Jänner 1915 verstirbt. Dem Bild der Verstorbenen fehlt jede Anmut und Eleganz ihrer frühen Tage. Ihr Tod ist hässlich und unendlich bitter. Zu diesem Zeitpunkt ist auch der Erste Weltkrieg schon ausgebrochen, Hodler stirbt so wie Klimt, Schiele und Koloman Moser im Jahr 1918 – so wie die gesamte Epoche.

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