Vorhang auf!

Vorhang auf!

Bekannte Zeitzeugen erinnern sich an den Fall des Eisernen Vorhangs vor 30 Jahren und warnen vor egoistischen Nationalismen in der heutigen Zeit.

Von Elisabeth Hell

Obwohl – oder vielleicht besser – weil ich mich schon seit Jahrzehnten in der Region bewegt habe, kam der Fall des Eisernen Vorhangs für mich völlig unerwartet“, denkt Herbert Stepic dreißig Jahre zurück. Stepic war damals Vorstandsmitglied der Raiffeisen Zentralbank und Motor der Raiffeisen-Ostexpansion. Bereits seit 1986 war Raiffeisen mit der Gründung der Unicbank in Ungarn erfolgreich tätig.

Die Entscheidung der ungarischen Regierung im Mai 1989, die Grenzanlagen zu Österreich nicht mehr zu erneuern, sondern abzubauen, setzt eine Kettenreaktion in Gang, die zum historischen Ereignis führte: Am 27. Juni traf sich der damalige Außenminister Alois Mock mit dem ungarischen Außenminister Gyula Horn an der Grenze in der Nähe von Nickelsdorf, um in Anwesenheit von Zeugen und Fotografen den Eisernen Vorhang zu öffnen. „Ein Ereignis, in dem eine sehr große Portion an Vertrauen, Hoffnung, Mut und Symbolik steckte“, analysiert Alt-Bundespräsident Heinz Fischer. Die nächsten Wochen bis zum Fall der Berliner Mauer am 9. November kamen Fischer wie ein schöner Traum vor und er denke heute noch oft und dankbar an die damals so mutig und zukunftsorientiert handelnden Personen zurück: „Das war für mich wahrscheinlich die schönste Phase europäischer Politik seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“

Alois Mock und Gyula Horn durchtrennen am 27. Juni 1989 den Eisernen Vorhang. (c) picturedesk.com/APA-Archiv/Robert Jäger

Erhard Busek, damals Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, kannte die andere Seite des Eisernen Vorhangs durch sein berufliches Engagement sehr gut und war genauso überrascht wie glücklich: „Es eröffnete sich eine ungeheure Chance für Europa. Diese Chance wurde nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft und im Sozialen genutzt.“

Die Aktionäre der RZB haben bereits im Herbst 1989 das Erstkonzept zur Ostexpansion abgesegnet. Was folgte war ein „Kraftakt einer unglaublich motivierten Mannschaft, die in manchen Jahren sogar zwei Banken eigenkapitalschonend als ‚greenfield investment‘ – also als Eigengründung auf der grünen Wiese – aufbaute“, erinnert sich Stepic. Schneller als die Mitbewerber hat Raiffeisen den Schritt in den Osten gesetzt.

Das Heranführen Osteuropas an die freie Marktwirtschaft in einem rasanten Transformationsprozess wäre auch ohne den Einsatz westlicher und vor allem österreichischer Banken unmöglich gewesen, sind sich die Experten einig. „Nach 50 Jahren Kommunismus hat es weder Liquidität noch einen Kapitalmarkt zum Aufbau der östlichen Volkswirtschaften gegeben“, hält Stepic fest. Es ging aber nicht nur um Kapitaltransfer, sondern auch um Know-how, neue Produkte, moderne Technologien und Geschäftsphilosophien.

Ruck ins Zentrum

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs rückte Österreich von der Peripherie in das Zentrum Europas. Durch die direkte Nachbarschaft gehörten österreichische Unternehmen in vielen Branchen zu den ersten westlichen Unternehmen, die in den Osten gingen. Die zunehmende Bedeutung Osteuropas für Österreich wird von Handelsstatistiken eindrucksvoll veranschaulicht: 1990 betrug der Anteil Zentral- und Osteuropas am gesamten Warenexport lediglich 10 Prozent. Seitdem hat er sich mehr als verdoppelt. Heimische Unternehmen investierten aber auch aktiv in die Region: Ein Drittel der österreichischen Direktinvestitionen befindet sich im CEE-Raum. Auch aus makroökonomischer Sicht war die „Miniglobalisierung“ der österreichischen Wirtschaft eine Erfolgsgeschichte: Berechnungen gehen davon aus, dass alle Integrationsschritte der osteuropäischen Länder das österreichische BIP-Wachstum um fast einen halben Prozentpunkt pro Jahr gesteigert haben.

Nicht richtig willkommen

Der Transformationsprozess in Osteuropa ging nicht zuletzt durch ausländische Direkt­investitionen und Unterstützung sehr zügig voran und mündete nur 15 Jahre nach der Grenzöffnung im EU-Beitritt von Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Die positive Entwicklung und Integration in die Europäische Union gerät für Erhard Busek allerdings zunehmend ins Stocken. Seine Begründung: „Wir haben diese ‚neuen’ alten Europäer nicht richtig willkommen geheißen. Es gab eine gewisse Arroganz und auch einen Mangel eines entsprechenden Engagements in Richtung Gemeinsamkeit. Daher stecken wir in den heutigen Mühseligkeiten und können uns nicht entschließen, eine gesamthafte europäische Strategie zu entwickeln.“ Dabei gehe es auch um jene Länder, denen auf irgendeine Weise schon lange die Mitgliedschaft in der Europäischen Union versprochen wurde, aber auch um jene, die noch gar nicht so weit sind wie die Ukraine, Moldawien oder Russland.

Auch Heinz Fischer stimmt es traurig, wenn heute „vielfach mit dem Erbe der Pioniere des Jahres 1989 Schindluder getrieben wird und die Werte, denen sie sich verpflichtet fühlten, mit Füßen getreten werden“. Fischer warnt vor egoistischen Nationalismen, die zu Lasten von Humanität und Menschenwürde immer weiter um sich greifen und Europa ebenso spalten wie die Gesellschaft.

Das 30-Jahre-Jubiläum gibt einen Anlass, nicht nur die Geschichte und die positiven Entwicklungen zu feiern, sondern auch einen Vergleich zum Status quo zu ziehen. „Die EU hat heute leider an Glanz verloren. Die Schwäche der Institutionen führt zu Nationalismus, der von Populisten geschickt genutzt wird“, urteilt Stepic. Alle verantwortlichen Kräfte sollten sich an die Stärken der Gemeinsamkeit erinnern. Oder wie Erhard Busek es formuliert: „Europa ist nicht vollendet, sondern eigentlich erst am Beginn. Will Europa in einer großen globalen Welt überleben, müssen wir an ganz Europa denken, wo jeder einzelne Europäer und jeder Landstrich gebraucht wird.“

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