Der Fall der Fichte

Der Fall der Fichte

Die Österreichischen Bundesforste zeigen, wie der klimafitte Wald der Zukunft aussehen wird.

Von Alexander Blach

Die Fichte ist mit einem Anteil von rund 51 Prozent Österreichs Hauptbaumart. Sie bevorzugt kühle Regionen mit ausreichend Niederschlag und gedeiht in höheren Lagen besonders gut. Aufgrund ihrer Pflegeleichtigkeit, der vielseitigen Holzeigenschaften sowie der entsprechend großen Nachfrage der Industrie wurde sie allerdings zunehmend über ihr natürliches Verbreitungsgebiet hinaus angebaut. So hat sich beispielsweise über die Jahrzehnte das Verhältnis der natürlichen Waldgesellschaft im Waldviertel (80 Prozent Laub- zu 20 Prozent Nadelholz) genau umgekehrt. Eine Entwicklung, die angesichts des fortschreitenden Klimawandels heute zu enormen Herausforderungen in der Forstwirtschaft führt. Besonders gut zu sehen ist das im Revier Droß des Forstbetriebs Waldviertel-Voralpen der Österreichischen Bundesforste (ÖBf), zehn Kilometer nördlich von Krems.

Durch die steigenden Temperaturen und zu wenig Niederschläge geraten dort vor allem die Fichten unter Trockenstress. Gleichzeitig führt das veränderte Klima zu einem nie dagewesenen Schädlingsaufkommen, allen voran der Borkenkäfer – im Fall der Fichte „Buchdrucker“ und „Kupferstecher“, denn jede Baumart hat ihre eigenen Borkenkäfer.

Und um sich wehren zu können, benötigt ein Baum eben Wasser. Nur dann kann er die Schädlinge – nachdem sie sich in seine Rinde gebohrt haben – mit seinem Harz wieder hinauspumpen. „Ist der Baum aufgrund andauernder Trockenheit bereits geschwächt, hat der Borkenkäfer leichtes Spiel“, weiß Bernhard Funcke, Leiter des Forstbetriebs Waldviertel-Voralpen. „Wenn der erste hineinbohrt und überlebt, lockt er weitere an. Dann hat der Baum keine Chance mehr. Die Larven fressen sich in die wasserführende Schicht und unterbrechen den Wasserfluss, wodurch der Baum abstirbt.“ Hat ein Baum den Kampf verloren, muss er schnellstmöglich aus dem Wald entfernt und entrindet werden, um der nächsten Käferge­nration keine Chance zu lassen, erneut auszufliegen. Um der Lage Herr zu werden, setzen die ÖBf auf Borkenkäferfallen mit Lockstoffen. Die Vermehrung und Ausbreitung der Schädlinge lässt sich damit zwar nicht verhindern, zeigt aber, wann die Käfer zu fliegen beginnen. „Wir laufen konsequent jedem Baum hinterher. Das macht sich bezahlt, ist aber eine Riesenaufwand“, so Funcke.

2018 betrug der Schadholzanteil der gesamten genutzten Menge im Waldviertel rund 80 Prozent, etwa die Hälfte davon war Käferholz. „Auf 15.000 Hektar Wald machen wir hier rund 90.000 bis 110.000 Festmeter Käferholz“, verdeutlicht Rudolf Freidhager, ÖBf-Vorstand für Forstwirtschaft und Naturschutz. Insgesamt ist der Käferholz-Anteil bei den ÖBf aber rückläufig. Das sei zum einen der intensiven Waldpflege und zum anderen der Topografie zu verdanken, erklärt Freidhager: „Die durchschnittliche ÖBf-Waldfläche liegt auf 1.100 Metern Höhe – oben ist es kühler und es hat mehr Niederschläge gegeben. Dort hat auch die Fichte eine Zukunft.“

Der Wald der Zukunft muss struktur- und artenreich sein.

Der Wald der Zukunft muss struktur- und artenreich sein. (c) ÖBf-Archiv/ Wolfgang Simlinger (2)

Der Wald wird bunter

Nichtsdestotrotz wird sich das Waldbild verändern, je nach Region, Bodenbeschaffenheit, Mikroklima und Höhenlage. In Droß wird sich der Fichtenbestand von rund 50 auf 20 Prozent reduzieren, die Lärche entsprechend zunehmen, genauso die Tanne und die Douglasie. Der Laubholz-Anteil steigt auf 40 Prozent.

Auf den ÖBf-Flächen insgesamt fällt der Fichten-Anteil von rund 60 auf 40 Prozent. Trotz ihres Rückgangs wird sie Österreichs häufigste Nadelbaumart bleiben, da sie entlang des Alpenbogens ein ideales Verbreitungsgebiet vorfindet. Andere Baumarten, die bis dato weniger vertreten waren, werden künftig eine größere Rolle spielen. Mischwälder werden zunehmen, weil sie wesentlich resilienter sind als Monokulturen.

„Der Wald wird bunter und vielfältiger“, betont Freidhager. Die Bundesforste haben bereits vor einigen Jahren begonnen, sich mit Klimaszenarien zu beschäftigen. Gemeinsam mit Wissenschaft und Forschung wurde – beruhend auf der Annahme, dass das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird – für alle 120 Forstreviere die Waldentwicklung bis zum Jahr 2100 simuliert und für jedes einzelne Revier die Waldgesellschaft der Zukunft errechnet.

Als Schlüssel für alle gilt: „So arten- und strukturreich wie möglich, um die Resilienz hinzubekommen, mildes Bestandsklima, clever arbeiten und eine wahnsinnige Achtung auf die Waldhygiene“, fasst Betriebsleiter Funcke zusammen. Eine große Rolle spielt dabei die natürliche Verjüngung des Waldes, also das Nachwachsen durch Samenfall. Die sei nicht nur billiger, sondern „ökologisch der Hammer“: „Jede Pflanze, die natürlich hier anwächst, hat ein Wahnsinnswurzelsystem und ist genetisch optimiert.“ Das heißt, sie haben sich an die standortspezifischen Gegebenheiten bereits angepasst. Um die natürliche Verjüngung zu fördern, müssen aber die richtigen Maßnahmen im Waldbau gesetzt werden, fügt ÖBf-Vorstand Freidhager hinzu: „Der bestehende Wald gehört aufgelockert, denn die Bäumchen brauchen Licht, um wachsen zu können.“

In Monokulturen bleibt keine andere Wahl als die künstliche Pflanzung. In Droß wurden heuer beispielsweise 102.000 Pflanzen unterschiedlichster Arten gesetzt: „Lärche, Douglasie, Eiche, Buche, Ahorn, ein bisschen Fichte – Wir versuchen die richtige Baumart für die jeweiligen Bodenverhältnisse zu finden“, betont Revierleiter und Förster Martin Schönsgibl.

Hinzu kommt „das Match mit dem Wildstand“, denn „ohne Jagd kein Wald“, bekräftigt Rudolf Freidhager: „Junge Bäume können nur dann in ihrer natürlichen Vielfalt wachsen, wenn sie nicht zu sehr von Wildtieren verbissen werden.“ Vor allem Tannen und Lärchen sind beliebt, da ihre Triebe sehr nährstoffreich sind. Gemeinsam mit der Jägerschaft gelte es, geeignete forstliche und jagdliche Maßnahmen zu setzen, um das Aufkommen des Zukunftswaldes sicherzustellen.

Borke mit Fraßbild eines Borkenkäfers

Klimawandel kostet

Konsequente Waldpflege, nachhaltige Durchforstung, Forcierung der Naturverjüngung sowie zusätzliche Aufforstungen haben natürlich auch ökonomische Konsequenzen. „Die Investitionen in den Waldbau sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen und betrugen bei den Bundesforsten zuletzt rund 14,5 Millionen Euro pro Jahr“, sagt Georg Schöppl, Vorstand für Finanzen und Immobilien. Gestiegen sind zudem die Mehrkosten durch den Klimawandel. „2018 hat uns der Klimawandel durch Schädlingsbekämpfung sowie höhere Ernte- und Logistikkosten rund 23 Millionen Euro gekostet – ein deutliches Plus gegenüber 2017“, so Schöppl. Für 2019 rechnet der Finanzvorstand bereits mit über 35 Mio. Euro. „Dennoch bleibt der Wald der beste Klimaschützer, daher werden wir auch weiter investieren. Die beste Antwort im Sinne des Klimaschutzes ist ein nachhaltig bewirtschafteter Wald. Damit hoffen wir, dass trotz der unzähligen Herausforderungen der Wald ein Evergreen bleibt.“

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