Welthandel auf ungleichen Beinen

Welthandel auf ungleichen Beinen

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China verschärft sich weiter. Auch die EU ist dabei „kein Musterschüler“, sagt RBI-Chefanalyst Peter Brezinschek.

Von Edith Unger

(c) fotolia.de/Freshidea

Wegen des großen Handelsdefizits der USA zieht US-Präsident Donald Trump gerade mit Strafzöllen gegen China und die EU, aber auch Japan, Kanada oder Mexiko zu Felde. Nach einem ersten Aufschlag mit 25-prozentigen Strafzöllen auf Importe von rund 800 Produkten aus China im Wert von 34 Mrd. US-Dollar sollen diesen Monat weitere auf Einfuhren von 16 Mrd. Dollar folgen. Bis Ende August droht Trump mit Sonderabgaben von zehn Prozent auf Waren aus China im Wert von 200 Mrd. Dollar. Er denkt an Strafzölle auf alle chinesischen Einfuhren von rund 500 Mrd. Dollar, womit eine weitere Eskalationsstufe droht. Ob die Zölle nach einer Phase von Anhörungen im August tatsächlich in Kraft treten werden, ist derzeit noch unklar. Sollten die neuen Zölle Realität werden, wäre die Hälfte aller US-Einfuhren aus China von Sonderabgaben betroffen.

Für den Chefanalysten der Raiffeisen Bank International (RBI), Peter Brezinschek, ist die Kritik der USA am internationalen Welthandelsregime nicht völlig aus der Luft gegriffen: „Die Faktenlage zeigt, dass Trump die richtigen Fragen stellt. Leider gibt er die falschen Antworten“, so der Experte.
China und andere ehemalige asiatische Emerging Markets seien nach wie vor sehr geschützte Volkswirtschaften und würden hohe Zölle einheben. Dazu komme die Frage des geistigen Eigentums, da ausländische Unternehmen dort meist nur mit Joint Ventures Fuß fassen könnten, was gleichzeitig einen enormen Technologietransfer bedeute. Dagegen wollte Trump vorgehen, denn die US-Volkswirtschaft sei viel offener als die asiatischen und auch offener als die europäischen Volkswirtschaften, so Brezinschek.
Mit durchschnittlichen Zollsätzen führt Südkorea das Ranking mit 13,9 Prozent vor China (9,9) und der Schweiz (6,3) an. Die EU hebt im Schnitt 5,2 Prozent an Zöllen ein, während die USA mit durchschnittlich 3,5 Prozent im Vergleich „eher moderat“ agierten, analysiert Brezinschek.
Die USA schützen vor allem Agrarprodukte mit Zöllen und hier vor allem Tabak und Erdnüsse mit immensen Zöllen von bis zu 200 bzw. 100 Prozent. Industrielle Waren würden eher weniger mit Zöllen belegt. Die EU schützt dagegen neben Wein, Fruchtsaft, Obst oder Fruchtzubereitungen auch LKW, Busse und Pkw. Mit einem durchschnittlichen Zoll von 10 Prozent ist Europa bei PKW zehn Mal restriktiver als die USA, so der RBI-Chefanalyst, der in diesem Zusammenhang darauf hinweist, dass Durchschnittswerte für Einfuhrzölle einzelner Länder oder Produktkategorien in die Irre führen können und oft protektionistische Maßnahmen für bestimmt Branchen verschleiern.
Grundsätzlich habe es Trump mit seiner Handelspolitik viel stärker auf China als auf die EU abgesehen. Dabei sei China viel verwundbarer als die USA, gehen doch 20 Prozent der Exporte Chinas in die USA (das sind 3,4 Prozent des nominellen BIP) und nur 8 Prozent aller US-Exporte nach China (das sind 0,1 Prozent des nominellen BIP).
Der gesamte Konflikt habe bisher noch keine dramatischen Auswirkungen auf die Stimmung von Einkaufsmanagern in Europa gehabt. Asien ist mehr betroffen, was auch in den Börsekursen sichtbar ist. Kommt es zu einer Eskalation oder zu Handelsblockaden, stehe das prognostizierte BIP-Wachstum in der Eurozone von 1,7 Prozent für 2019 jedoch „auf wackeligen Beinen“, so der Fachmann. Vor allem wenn sich US-Präsident Trump für höhere Zölle auf Kraftfahrzeuge aus der EU entscheidet, würde sich das spürbar auswirken.
Die PKW- und LKW-Exporte aus der EU und auch aus der Eurozone in die USA belaufen sich auf gut 0,2 Prozent des BIP. Bei einzelnen EU-Staaten sieht das aber anders aus: Die Slowakei – größter Autoproduzent der Welt bezogen auf die Einwohner – exportiert mehr als 1,6 Prozent ihres BIP in Form von PKW oder LKW in die USA. In Deutschland sind es fast 0,7 Prozent, in Großbritannien fast 0,4 Prozent, und auch in Italien gut 0,2 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Bei Österreich sind es unter 0,1 Prozent des BIP. „Wir haben eine Achillesferse: Wenn Autos mit 25 Prozent Zoll belegt werden, ist das kein Bagatellschaden mehr, sondern beeinflusst den wirtschaftlichen Prozess in Europa“, fasst Brezinschek zusammen.
Brezinschek ist überzeugt, dass Europa, „im Wissen, selbst nicht der Musterschüler zu sein“, über die höheren Zölle nachdenken müsse, die es im Vergleich zu den USA einhebt. Eine „richtige Antwort“ auf dieses Ungleichgewicht im Außenhandel mit den USA wäre ein Versuch eines Handelsabkommens, um dann den WTO-Regeln entsprechend die Zölle gegenseitig zu senken. Daher sei es bedauerlich, dass es nicht zu TTIP gekommen sei, räumte Brenzinschek ein. Aber „ein neuer Anlauf“ dazu wäre wünschenswert. Dann könnten auch gemeinsame Industriestandards festgelegt werden, was Vorteile gegenüber China bedeuten würde, da man Rahmenbedingungen selbst vorgebe.
Der RBI-Chefanalyst schlug vor, dass sich Österreich im Rahmen seiner EU-Präsidentschaft nicht nur auf das Thema Migration und Sicherheit konzentrieren sollte, sondern auch einen Vorstoß in Handelsfragen tätigen könnte. Es gehe darum, Mitgliedsländer mit Industrie- und Mitgliedsländer mit Agrarschwerpunkt zu einigen, um gemeinsam vorzugehen. „Europa ist ein bisserl in einer Zwickmühle – es herrscht Uneinigkeit und keine besondere Offenheit in Handelsfragen. Es gibt einzelne Mitgliedsländer, die sich ganz gerne bei gewissen Handelsthemen abschotten. Daher soll sich Europa nicht immer als Moralapostel in Handelsfragen darstellen“, sagte Brezinschek. Österreich und Europa sollten zeigen, „wir können sogar noch etwas Positives aus diesem Handelskonflikt machen“ und „nicht bei den Zöllen auf die Amerikaner hinzeigen“.

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