Der Mensch im Mittelpunkt

Der Mensch im Mittelpunkt

Mit über 150 Werken von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz lädt das Werner Berg Museum in Bleiburg noch bis Herbst zum Dialog mit der Welt einst und heute.

Von Sandra Schäfer

Mit seinem Skizzenblock hielt der 1904 in Elberfeld im Großraum Wuppertal geborene Werner Berg das Leben in Unterkärnten fest. Fasziniert von der unverbrauchten Kulturlandschaft und der hiesigen bäuerlichen Bevölkerung bezog er 1931 den sogenannten Rutarhof, eine 22 Hektar kleine Landwirtschaft, die ohne Strom und Fließwasser auf einem vorgelagerten Bergriegel über dem Tal lag. Hier wollte der promovierte Staatswissenschaftler, der im Anschluss in Wien und München Kunst studiert hatte, seine Werke an eine Lebenswirklichkeit binden, seinem Wunsch entsprechend „unabhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen zu leben und zugleich ein Leben zu führen, das voll sinnstarker Anschauung wäre“. Hier auf dem Rutarhof – umgeben von seiner Frau Amalie „Mauki“ sowie seinen fünf Kindern – entstand der Großteil seiner Bilder, die er nach jenen zuvor angefertigten Bleistiftzeichnungen in seinem Atelier, in Ausnahmefällen aber auch vor dem Objekt, anfertigte. Von Letzterem zeugen unter anderem eine Reihe von im Freien bei Vollmondnächten entstandenen Gemälden. Diese zählen nicht nur zu seinen bekanntesten, sondern für viele auch zu seinen faszinierendsten Werken. Im Werner Berg Museum kann man sich von seinen großflächigen, nächtlichen, kontrastreichen Hell-Dunkel-Darstellungen nach wie vor in den Bann ziehen lassen.

Die Unerschöpflichkeit des Holzschnitts

Das 1968 als temporäre Galerie angelegte Museum bildet heute das kulturelle Zentrum Bleiburgs – oder slowenisch Pliberk, wie sich die Ortschaft und das Museum offiziell nennen. Früh erkannte man, dass die Errichtung einer Institution, die mit den Bildern Bergs auch das Leben der in Kärnten lebenden Slowenen dokumentiert, neben der kulturellen Bereicherung der Region volksverständigenden Charakter aufweisen könnte. In zahlreichen Porträts widmete Berg sich der Darstellung des Menschen, eingebettet in seine Umwelt. Stets schwingen in seinen Bildern allgemein menschliche Empfinden wie Entbehrung, Hoffnung oder – betrachtet man Bergs Bild „Vor der Auferstehung“, in dem das Gesicht einer Frau vom Osterfeuer beleuchtet wird – auch Staunen mit.

Besonders der Holzschnitt erwies sich für Bergs Konzentration auf wenige markante Züge als fruchtbringend. Immer wieder unterbrach er seine malerische Tätigkeit, um sich für Monate ausschließlich der Anfertigung seiner stets in schwarz-weiß gefertigten Holzschnitte zu widmen. Alleine in seinen letzten beiden Lebensjahren sollen 101 Holzschnitte (ein Fünftel seines Gesamtwerkes) entstanden sein. Eine stattliche Anzahl davon findet sich im Museum in Bleiburg.

Mit über 150 Werken von Ernst Barlach und Käthe Kollwitz lädt das Werner Berg Museum nach Bleiburg.

Links: „Güstrower Engel“ (1927) von Ernst Barlach; Rechts: Holzschnitt „Selbstbildnis von vorn“ (1923) von Käthe Kollwitz (c) Werner Berg Museum Bleiburg/Pliberk (2)

Jenseits falscher Beschaulichkeit

Aktuell wartet das Museum im Rahmen der Sonderausstellung „Werner Berg – Abschied. Das Spätwerk 1969-1981“ zudem mit zahlreichen Gemälden seiner letzten Lebensjahre auf. Es sind Bilder, in denen sich die nach dem Tod seiner Frau zunehmende Vereinsamung sowie die zunehmende Entfremdung des Künstlers in einer sich verändernden Welt mitschwingen. Das ländliche Leben in einer vorindustriellen Kultur, die Berg in seinen Bildern festgehalten hatte, gehörte zu Bergs Lebensende (der Künstler verstarb 1981 mit 77 Jahren) längst der Vergangenheit an – in den Gemälden des Künstlers kann man sich heute noch ein Bild machen.

Verklärtes im Sinne einer bukolischen Idyllik sucht man jedoch vergebens. Nichts lag Berg ferner als eine falsche Beschaulichkeit. So sind seine Arbeiten trotz aller Schilderungen von Personen und Szenen aus dem bäuerlichen Umfeld weit entfernt von einer ideologisch gefärbten Verherrlichung des Landlebens, wie es die Nationalsozialisten für die Kunst aus dem ländlichen Bereich gerne taten. Berg setzt sich mit den individuellen Geschicken „seiner Protagonisten auseinander, mit Kindern und alten Personen genauso wie mit Existenzen am Rande der Gesellschaft“, weiß Kunsthistoriker Franz Smola.

Über die Grenzen der Existenz

Das Leben der Menschen bildete auch den Mittelpunkt der Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz. In ihren ausdrucksstarken Bildern und Grafiken hält sie jene Menschen fest, die im Schatten des Fortschritts unter ärmlichen Verhältnissen lebten. Noch bis Ende Oktober lässt das Werner Berg Museum rund 150 Werke von Kollwitz und Ernst Barlach in der Sonderausstellung „Über die Grenzen der Existenz“ in einen Dialog treten.

Während Kollwitz ihre Kunst in den Dienst der gesellschaftlichen Verantwortung stellte und die Menschen persönlich und intim in ihrer sozialen Realität zeigt, treten bei Barlach die individuellen Merkmale zugunsten der Darstellung von allgemeinen Zuständen des Seins zurück. Das Herz der Ausstellung zu den beiden Künstlern, die auch privat in Kontakt standen, bildet eine Skulptur, die Barlach in Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkriegs schuf und die die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz (die Künstlerin verlor im Ersten Weltkrieg einen Sohn) trägt.

Bei dem im Museum gezeigten Mahnmal, das oft auch als „Schwebender Engel“ bezeichnet wird, handelt es sich jedoch um einen Nachguss. Das Original, das Barlach für den Güstrower Dom zur 700-Jahr-Feier des Bauwerks anfertigte, wurde von den Nationalsozialisten als Beispiel für „Entartete Kunst“ aus dem Dom entfernt und  als „Metallspende“ eingeschmolzen. Ein großer Teil des Werkes von Barlach wurde zudem ins Ausland verkauft. Ein Schicksal, das er mit Käthe Kollwitz teilte.

Gemeinsam gezeigt wurden die Werke beider Künstler auch im Rahmen von Kunstschauen über entartete Kunst. Zu den entarteten Bildern zählte auch ein Gemälde von Werner Berg – der trotz aller Diffamierung durch die Nationalsozialisten auch als Kriegsmaler im Zweiten Weltkrieg tätig gewesen ist. Heute kümmert sich die Ernst Barlach Gesellschaft in Hamburg, die die Ausstellung mit dem Werner Berg Museum gemeinsam konzipierte, um die Aufarbeitung des Werkes des Künstlers und den interkulturellen Dialog. Letzteres ein Anliegen, das die Gesellschaft mit dem Werner Berg Museum teilt. Für Gesprächsstoff ist mit der Ausstellung jedenfalls nicht zuletzt auch dank der im Außenraum an den Fassaden angebrachten vergrößerten Arbeiten der Künstler im Bleiburger Stadtzentrum gesorgt. Werner Berg setzte sich in den 70er-Jahren im Ortstafelstreit für die slowenische Minderheit ein.

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