Wir müssen Autonomie neu definieren

Wir müssen Autonomie neu definieren

Raiffeisen Vorarlberg hat unter der Koordination von Wilfried Hopfner im Strategieprogramm 2025 die Eckpfeiler für die weitere Entwicklung ein­geschlagen. Wir sprachen mit dem Bank-Manager über seine Schwerpunkte 2018 und die Zusammen­arbeit im Verbund.

Interview: Edith Unger

(c) RLB Vorarlberg

Welche Entwicklungen haben im Jahr 2017 Raiffeisen Vorarlberg geprägt?
Wilfried Hopfner: Es war grundsätzlich ein positives Jahr. Vorarlberg ist ein interessanter Lebens- und Wirtschaftsraum: In den letzten 10 Jahren sind die Exportumsätze von 2 auf 10 Mrd. Euro gestiegen und in den letzten 15 Jahren wurden 20.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Das sind positive Rahmenbedingungen für unsere Regionalbanken und haben für starke Investitionsimpulse gesorgt. Auch mit dem Dienstleistungsgeschäft sind wir zufrieden, wenngleich dort mehr möglich sein müsste. Belastet wurde unser Zinsergebnis von der Entscheidung rund um die Negativzinsen, aber Raiff-
eisen Vorarlberg managt die Kosten sehr aktiv – wenn es bei den Erträgen zu Einbrüchen kommt, muss auch die Kostenseite agieren – das ist uns gelungen. Dem positiven wirtschaftlichen Umfeld geschuldet werden wir kaum Einzelwertberichtigungen ausweisen müssen und risikomäßig sicher unter Budget liegen. So ergibt sich wieder ein gutes EGT, das wir alle gut brauchen können, um unsere schon gute Kapitalsituation weiter zu verbessern. Kosten zu managen bzw. Sach- und Personalkosten konstant zu halten, ist auch eine Herausforderung vor dem Hintergrund der zunehmenden Regulierung. Denn nüchtern betrachtet haben wir regionale Banken nicht in den Markt investieren dürfen, sondern in die Regulatorik investieren müssen.

Welche Perspektive sehen Sie in diesem Umfeld für eine starke Regionalbank?
Hopfner: Wir leben in einem Transformationsprozess gigantischen Ausmaßes. Das Kundenverhalten hat sich verändert und wird sich aufgrund immer besser werdender, noch leichter nutzbarer Angebote in der digitalen Welt noch weiter verändern. Mit der digitalen Regionalbank, vor allem mit Mein ELBA, stellen wir das richtige Angebot. Dieses müssen wir weiter ausbauen. Nicht nur junge Kunden – alle Kunden erwarten ein solches Angebot von ihrer regionalen Bank. Unser großer Vorteil dabei: Wir können das moderne Angebot auf unsere traditionelle Stärke aufbauen. Regionalität und Nähe sind für unsere Kunden wichtig. Nähe gemessen in Kilometern vom Wohnort zur nächsten Bankstelle wird aber definitiv an Bedeutung verlieren. Gewinnen wird dagegen die beziehungsmäßige Nähe. Eine maximale Verbindung zwischen digitaler und analoger Welt über das Motto „Wir treten in Beziehung“ ist die große Herausforderung und Chance zugleich.

Welche Akzente setzt Raiffeisen in Vorarlberg, um dem gerecht zu werden?
Hopfner: Wir starten dieser Tage mit unserem Programm „Leadership im Vertrieb“: Wir haben Persönlichkeiten eingeladen, die ihre Erfahrungen mit Leadership im Vertrieb und den aktuellen Veränderungen aufzeigen. Wie in unserer Strategie 2025 festgehalten, wollen wir die Beziehung in der Bank sowie die persönliche Gesprächsführung mit Führungskräften und Mitarbeitern intensivieren. Ich bin davon überzeugt, dass dies auch auf die Kundenbeziehungen ausstrahlt. Die Frage ist: Wie treten wir bankintern und vor allem wie treten wir mit unseren Kunden in Beziehung?

Was bedeutet das für die Kooperation von Landesbank und Raiffeisenbanken?
Hopfner: Wir haben die Landesbank dezidiert als Dienstleistungsbank für unsere Raiffeisenbanken ausgerichtet. Wir leben eine offene, transparente Kommunikation und Darstellung der Zahlen. Neben unserem Programm ‚Leadership im Vertrieb’ möchten wir uns heuer auch mit unserer Struktur auseinandersetzen. Vor dem Hintergrund veränderter Ertragsmöglichkeiten und zunehmender Regulatorik ist Raiffeisen hier besonders gefordert. Wir müssen unsere Leistung redundanzfrei erbringen. Es kann nicht sein, dass bei uns im Land alles 20 Mal erfunden wird und im Bund 8 oder 9 Mal. Hier gibt es unabdingbar eine vertiefende Kooperationsnotwendigkeit. Die Suche nach weiteren Synergien ist durchaus ausbaufähig. Ziel muss es sein, dass sich jede Raiffeisenbank optimal am Markt positionieren kann und aus dem Verbund heraus alle Leistungen erbracht werden, die notwendig sind, um die Regulatorien zu erfüllen. Wie wir uns zukunftsfit aufstellen – sowohl auf Primärstufe als auch vor allem in klaren Anforderungen und Aussagen zur RLB – das wollen wir in diesem Jahr erörtern.

Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit im Raiffeisen-Verbund?
Hopfner: Das hat höchste Bedeutung. Für mich ist ein funktionierender Verbund dann erfolgreich, wenn die einzelnen Teile für sich erfolgreich agieren, aber gleichzeitig möglichst viel gemeinsam tun. Das beginnt bei einer gemeinsamen Sichtweise, was die Zukunft anbelangt, und führt sich fort über die IT bis hin zu operativen Themen der Abwicklung. Die große Herausforderung besteht darin, das mit hoher Autonomie einhergehende unternehmerische Denken in die Zukunft zu bringen, gleichzeitig aber Autonomie neu zu definieren. Wie autonom bin ich trotzdem, wenn ich nicht mehr alles vor Ort mache – in jeder Raiffeisenbank, in jeder RLB? Die Digitale Regionalbank ist ein positives Beispiel einer Zusammenarbeit, weil die digitale Welt keine Grenzen kennt, auch keine genossenschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Diskussionen im Bund und auf Landesebene sind heftig im Gange, und ich bin guter Dinge, dass uns das gelingen wird – weil es gelingen muss. Die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwingen uns einfach zu mehr Zusammenarbeit.

So einfach dürfte es aber nicht sein, wenn man sich die Diskussionen über die geplante Synergiegenossenschaft ansieht …
Hopfner: Ich gebe zu, es sind manchmal zwei Schritte nach vor und einer zurück. Es geht schon wirklich zu lange, aber nicht deswegen, weil wir untätig waren, sondern weil nach der Entscheidung zur Fusion RBI/RZB einfach die Luft draußen war. Es folgte die Diskussion rund um die Einlagensicherung, die uns auch einige Monate Zeit gekostet hat. Aber es war richtig, die Alternativen gewissenhaft zu untersuchen und mit einer Entscheidung letztendlich auch auf den Punkt gebracht zu haben. Aber wir haben uns darauf verständigt, dass Kooperation und Synergiegenossenschaft wirklich Bedeutung haben, und wir haben uns vorgenommen, das Arbeitspapier dazu zeitnah zu erarbeiten und die Eintragung dieser Kooperationsgenossenschaft im Firmenbuch abzuschließen. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben.

Welche Aufgaben soll diese Kooperations-genossenschaft haben?
Hopfner: Eine wesentliche Aufgabe sehe ich in der strategischen Positionierung des Raiffeisensektors. Die RBI hat eine klare Positionierung: Sie ist eine Finanzbeteiligung, mit der wir Synergien gemeinsam nutzen. Mit der RZB hatten wir ein Spitzeninstitut, aber nicht alle Aufgaben sind automatisch zur RBI mitgegangen. Also haben wir nun die Verantwortung für diese strategische Weiterentwicklung des Sektors. Natürlich vertreten wir unsere Länderinteressen, aber wir müssen dort auch Kompromisse finden, die uns alle weiterbringen. Und das dringlichste Thema derzeit ist sicherlich eine gemeinsame IT. Wir sind kein Konzern – in einem Verbund drückt niemand auf einen Knopf. Unterschiedliche Interessenslagen herauszuarbeiten, ein gemeinsames Ziel zu definieren und dann auch in diese Richtung zu gehen, das ist das vorrangige Thema.

Warum gibt es keine Vertreter der Primärstufe in der Kooperationsgenossenschaft?
Hopfner: Dazu habe ich eine klare Position: Eine Landesbank hat neben vielen anderen Aufgaben insbesondere die Interessen des Landes in der Bundesarbeit zu vertreten. Diese klare Aufgabe gilt es derzeit im Leitungsausschuss und künftig im Vorstand der Kooperationsgenossenschaft in Form der repräsentativen Demokratie zu leben. Am Ende des Tages müssen Entscheidungen getroffen werden. Und das sehe ich als eine Aufgabe, welche die Raiffeisenbanken an den Vorstandsvorsitzenden des Landes delegieren. Die Aufgabe wird nicht einfacher und vor allem nicht effizienter, wenn wir das Gremium vergrößern.

Worauf werden Sie den Scheinwerfer im Raiffeisen-Jubiläumsjahr 2018 richten?
Hopfner: Wir werden es zum Thema machen, dass es vor zwei Jahrhunderten einen Menschen Raiffeisen mit einer Idee gegeben hat. Einen mutigen Menschen, der damals Grenzen gesprengt hat. Er ist unser Namensgeber, aber vor allem sollte er uns auch nach wie vor Vorbild sein. Vor allem mit seinem Leitmotiv: Was einer nicht kann, vermögen viele. Diese Notwendigkeit gibt es auch heute, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Es geht wieder darum, durch Beziehungen Möglichkeiten zu schaffen. Vor diesem Hintergrund wollen wir uns positionieren und unseren Mitgliedern und Kunden sagen: Raiffeisen ist eine besondere Idee, eine besondere Organisation, und wir möchten euch dabei unterstützen, selbst eigeninitiativ unser Land positiv mitzugestalten.