„Wir müssen sichtbar sein“

„Wir müssen sichtbar sein“

Generaldirektor Heinrich Schaller zieht zufrieden Bilanz über 2018 und setzt den Fokus künftig auf Firmenkunden.

Von Edith Unger

Ein Konto eröffnen im Internet oder Bezahlen mit dem Handy – das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass sich das Bankgeschäft derzeit in einem massiven Veränderungsprozess befindet. „Für das 08/15-Tagesgeschäft braucht niemand mehr eine Bank“, bringt es der Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, Heinrich Schaller, auf den Punkt. Es sei jedoch der falsche Weg, alle Filialen zuzusperren oder Kündigungskonzepte zu erstellen: „Wir verabschieden uns weder von der Örtlichkeit, noch werden wir Mitarbeiter abbauen“, unterstreicht Schaller und betont: „Denn wir müssen sichtbar sein.“

Daher sei auch die Strategie von Raiffeisen, auf Regionalität zu setzen und Kunden persönlich zu betreuen, nach wie vor richtig – sie müsse nur anders ausgestaltet werden, weiß Schaller. Es werde demnach auch kein Weg daran vorbeiführen, Filialen zusammenzulegen und organisatorisch neu aufzustellen oder bestimmte Aufgaben auszulagern.

RLB OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller

RLB OÖ-Generaldirektor Heinrich Schaller

Dass hier bereits einige Maßnahmen erfolgreich umgesetzt werden konnten, zeige die sehr zufriedenstellende Entwicklung der RLB OÖ im abgelaufenen Jahr 2018. Bei einem Betriebsergebnis von rund 210 Millionen Euro sei es gelungen, ein Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von 195 Millionen Euro zu erwirtschaften. Zudem habe keine einzige Raiffeisenbank in OÖ mit einem Minus abgeschlossen – trotz anhaltender Niedrigzinsphase und hoher Kostenbelastungen durch regulatorische Vorgaben.

Diese wirtschaftliche Kraft will Schaller nun vor allem für das Geschäft mit Firmenkunden nutzen. Serviceleistungen für Privatkunden werden zunehmend digitalisiert und standardisiert, „Erträge sind nur noch bei Firmenkunden möglich“, weiß der Generaldirektor. Hier funktioniere auch die Zusammenarbeit zwischen Landesbank und Raiffeisenbanken gut – „wir suchen nach gemeinsamen Lösungen“, ist Schaller zufrieden. Ziel sei es, dass sowohl jede Raiffeisenbank als auch die RLB ohne gegenseitige Haftung bestehen könne.

„Wir müssen uns unser Geschäft künftig selbst gestalten“, fasst Schaller zusammen. Nur ein guter Arbeitgeber zu sein, ohne damit Erträge zu erzielen, sei zu wenig. Raiffeisen habe die Kraft, im Verbund Impulse zu setzen und die Region zu fördern – im Kleinen als Wirtschaftspartner oder über innovative Projekte rund um das Bankgeschäft ebenso wie im Großen über das von Ludwig Scharinger so erfolgreich initiierte Beteiligungsgeschäft, das auch weiterhin ein fixer Bestandteil der Strategie von Raiffeisen Oberösterreich bleiben werde.

Schiedsrichter

Auch Jakob Auer, Aufsichtsratsvorsitzender der RLB OÖ, ist sicher, dass die Bank der Zukunft anders als heute aussehen müsse. Allein durch die Tatsache, dass ein Drittel des Sparvolumens online eingezahlt werde, führe kein Weg an einer Strukturreform vorbei. Oberösterreich habe es stets verstanden, mit geänderten Strukturen umzugehen, verweist auch Auer auf die erfolgreiche Geschäftspolitik von Scharinger. Denn bereits seit 1995 sei die Anzahl der Raiffeisenbanken um 45 Prozent von 710 auf 387 zurückgegangen. Aber nicht zuletzt aufgrund eines gekonnten Beteiligungsmanagements, dessen Motor Ludwig Scharinger war, stehe die RLB heute so erfolgreich da, betont der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende der RLB OÖ.

RLB OÖ-Aufsichtsratsvorsitzender Jakob Auer

RLB OÖ-Aufsichtsratsvorsitzender Jakob Auer (c) Amélie Chapalain (2)

Eine maßgebliche Rolle in solchen Veränderungsprozessen kommt dabei laut Auer den Funktionären zu. Wichtig für ein erfolgreiches Miteinander mit dem operativen Management sei dabei ein Begegnen auf Augenhöhe: „Funktionäre sind nicht die Ober-Geschäftsführer. Funktionäre sollten vielmehr agieren wie Schiedsrichter – sie sollten alles sehen, aber nicht alles pfeifen“. Klare Regeln seien ebenso wichtig wie das Einfordern anstehender Problemlösungen, weiß Auer, der in jeder Veränderung auch eine Chance sieht. „Stillstand ist Rückschritt“, ermuntert er die anwesenden Funktionäre, sich den Veränderungen zu stellen und objektiv notwendige Entscheidungen nicht hinauszuzögern.

Für die Zukunft wünscht sich der AR-Vorsitzende jedenfalls mehr junge und mehr weibliche Funktionäre in den Gremien bei Raiffeisen und schlägt vor, das System der Delegierten einer Überprüfung zu unterziehen.  „Die Grundsätze von Raiffeisen geben Orientierung“, ist Auer sicher. Trotzdem dürfe die Genossenschaft nicht in eine Glaskuppel oder auf ein Podest gestellt werden. „Unsere Aufgabe ist es, das bewährte System weiter zu entwickeln, zu verbessern und der heutigen Zeit anzupassen“, unterstreicht Auer.

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