Wir schaffen das

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Was hat Anne Frank mit Angela Merkel und Justin Bieber zu tun? Wir haben Simon Fujiwara anlässlich seiner Ausstellung in Bregenz zum Interview getroffen.

Von Stefan Niederwieser

Es war vielleicht die beste Berlin Biennale aller Zeiten. Und Simon Fujiwara hatte ihr Herzstück gemacht. Wenn man vor zwei Jahren durch eine Tür in der Akademie der Künste trat, 100 Meter entfernt vom Brandenburger Tor, wo deutsche Geschichte geschrieben wurde, dann lag dort auf einem von fünfzehn Podesten ein Haufen aus rosa Pulver. Es war das Makeup von Angela Merkel. Und es war klar, hier fliegen einem kluge Ideen und Referenzen um die Ohren, dass sie nur so schlackern. Fitness, Sicherheit, Ökonomie, Beauty, Industrie, Glück und Deutschland waren in einem Raum kondensiert, dem Happy Museum.

Der Künstler Simon Fujiwara inmitten Porträts von Menschen, die das Anne-Frank-Haus in Amsterdam besucht haben. (c) Simon Fujiwara/Kunsthaus Bregenz

Simon Fujiwara ist erst 35 Jahre alt, aber schon lange Zeit ein Shootingstar der internationalen Kunstszene. Er stellt in Bregenz ein jüngstes Projekt aus, das Hope House. In Amsterdam fiel ihm auf, dass die Tapeten im Anne-Frank-Museum aus der DDR stammten. Das hatte ihn inspiriert, die Hintergründe des Orts aufzuarbeiten, wie nämlich im Kapitalismus auch die Hoffnung selbst produziert wird. Das Hope House ist keine Kopie des Originals und auch keine Systemkritik, es ist ein eigenes Universum, das in den einzelnen Räumen immer wieder die Erwartungen unterläuft, worum es hier eigentlich geht.

Welche Schuhe trägst du gerade?
Simon Fujiwara: Keine, ich bin barfuß.

Ich frage, weil du oft mit Fitness und Gesundheit künstlerisch arbeitest.
Fujiwara: Ich will ewig leben, ich will attraktiv sein, weil es toll ist Sex zu haben, gut auszusehen, sich gut zu fühlen und das Teil unserer Ökonomie ist. Ich sage das mit Ironie, aber gleichzeitig glaube ich, dass wir nicht in einer binären Welt leben müssen – nur weil Beauty etwas Faschistisches hat, weil es komplett vermarktet ist, weil es Unsicherheiten, Probleme und Hierarchien erzeugt, muss man es nicht negieren. Man kann von innen heraus damit arbeiten, es genießen und gleichzeitig kritisch sein. Die alltäglichen Dingen, mit denen ich arbeite, die als Teil unseres Lebens komplex sind, manchmal ekelhaft, manchmal erregend, kann man betrachten und genießen, und man kann sich selbst dabei betrachten, wie man sie betrachtet und genießt. Für mich ist es am wichtigsten, dieses Gefühl zu erzeugen. Wenn wir Entscheidungen treffen und wir wissen, dass wir sie treffen, dann sind wir keine Opfer dieser Dinge.

Aber sieht man in deiner Arbeit nicht meistens Bilder mit schönen Körpern?
Fujiwara: Es geht mir nicht um Ästhetik, sondern mich interessieren bekannte Bilder, die Menschen ganz unmittelbar ansprechen – und dazu gehört Beauty. Mich interessiert aber auch, wovon Menschen glauben, dass es etwas Gutes ist. Es wäre einfach, eine Arbeit über die Komplexitäten des Kapitalismus zu machen und eine Bank als Ausgangspunkt zu nehmen. Aber das wäre banal, denn wir wissen, sie wollen Geld machen. Das Anne-Frank-Haus in Amsterdam will aber Gutes tun, es will Empathie und Verständnis herstellen. Die Fragen sind hier komplexer, weil wir dazu etwas verstecken, vortäuschen und verstellen müssen. Dadurch zeigt sich deutlicher und klarer, was Menschlichkeit bedeutet.

Gab es einen Punkt in deinem Leben, der dein Interesse an Fitness und Gesundheit ausgelöst hat?
Fujiwara: Ganz offen gesagt, als ich angefangen habe, Kunst zu machen, war ich sehr schnell sehr erfolgreich, bin viel in verschiedene Zeitzonen gereist, habe geraucht und mich körperlich schlecht gefühlt. Also habe ich zu trainieren begonnen, weil ich meinen Rücken in Ordnung bringen wollte. Und ich habe Gefallen daran gefunden. Einer meiner Freunde trainiert Models in Berlin, er arbeitet viel mit Instagram und Influencern, mich hat diese Welt fasziniert, die wir als total oberflächlich beschreiben. Einige Individuen haben plötzlich vielMacht bekommen, einfach weil sie gut aussehen. Diese Fetischisierung von Biologie und Normalität interessiert mich. Die ideologische Verschiebung konnte ich aber nur enthüllen, weil ich mitgemacht habe.

Wie wurden die Poster im Anne-Frank-Haus ausgewählt?
Fujiwara: Sie sollten einen Schnitt durch alle Altersgruppen und Berufe zeigen, von Politikern, Instragramern bis zu Entrepreneurs. Im Grunde jeder mit öffentlicher Wahrnehmung.

Mit dabei ist auch Justin Bieber, der ins Gästebuch in Amsterdam geschrieben hat, dass Anne wohl ein Belieber gewesen wäre, also einer seiner Fans. Und es folgte ein heftiger Aufschrei. Es scheint, du sagst nun auch, dass Anne Frank ein Belieber ist. Oder nicht.
Fujiwara: Wie könnte ich das? Leute wollten offensichtlich die Ikone Justin Bieber zerstören und hier hatten sie eine tolle Ausrede, das zu tun. Aber dadurch haben sie auch nur gezeigt, wie sehr sie an die Macht von Stars glauben. Man wird nur so wütend, wenn man denkt, Justin Bieber sollte tatsächlich eine moralische Instanz sein. Er ist ein großartiger Entertainer, aber ich erwarte mir von ihm keine moralische Orientierung.

Hast du das Haus, nachdem du es erstmals in Israel ausgestellt hast, noch verändert?
Fujiwara: Es ist in Bregenz dreimal so groß, weil in Israel weniger in den Raum passte. Ich verwende es als eine Struktur, die wachsen kann, die ich verändern und erweitern kann, ich konnte mehr Arbeiten integrieren. Zu Weihnachten war ich beispielsweise in Thailand und auf einem Markt ist mir aufgefallen, dass jemand ein Gemälde von Leonardo da Vinci malte, den Salvator Mundi. Ich musste das Bild sofort kaufen und in das Haus geben. Diese hochwertigen Repliken kann man heute in Russland ab 12.000 Euro kaufen. Sie zeigen eine weitere Absurdität der Kunstwelt, von der wir ja wollen, dass sie keinen Sinn macht und verrückt ist. Dieses Bild ist erst drei Tage vor der Eröffnung in Bregenz angekommen – mir gefällt die Idee, dass sich das Haus wie ein Livestream an das anpassen kann, was gerade passiert.

Was würde nicht ins Haus passen?
Fujiwara: Dinge, die eine Geschichte bestätigen, die wir erwarten. Das erste Objekt, das man beim Betreten sieht, ist Makeup von Angela Merkel. Ich will aber nicht nur die Geschichte erzählen, wie sich das Bild von Deutschland gewandelt hat. Also ist das nächste Objekt eine Sexpuppe aus Japan, dann Holzspielzeug oder Panzer aus Israel. Sie untergraben bestimmte Narrative. Wenn man dann im obersten Ende des Hauses ankommt, ist man so verwirrt von dem Spiel, was authentisch ist und was nicht, man hat Erwartungen, weil man weiß, dass Anne Frank im Dachboden gelebt haben soll, als Besucher will man Antworten vom Künstler, was das alles zu bedeuten hat – und da dachte ich, am überraschendsten ist, wenn dort genau das zu sehen ist, was du man erwartet, ein alter, staubiger Dachboden mit Dingen aus den 30ern und 40ern. Mit diesem Anne-Frank-Haus wollte ich ein Universum erschaffen, in dem alle Arten von Diversität Platz haben. Und ich denke, das sagt etwas darüber, was gute Kunst kann, Freiheit schaffen. Als Besucher weiß man nicht, wie all das zusammenpasst, aber aus irgendeinem Grund tut es das.

Hast du die Orte ausgewählt, an denen das Haus gezeigt wird? Österreich und Israel sind immerhin mit der Geschichte von Anne Frank eng verwoben.
Fujiwara: Ich habe nicht entschieden, es nicht dort zu machen. Die Ironie des Ganzen ist mir aber nicht entgangen.

„Simon Fujiwara – Hope House“ bis 8. April im Kunsthaus Bregenz.