Wo das wilde Live-Musikbusiness wohnt

Wo das wilde Live-Musikbusiness wohnt

Das Eurosonic in den Niederlanden ist ein Sklavenmarkt. Statt Sklaven gilt es Musik zu schätzen und zum richtigen Preis zu kaufen. Heuer waren sechs Bands aus Österreich dabei. Warum tun sie sich das an?

Von Stefan Niederwieser

Sigrid hat alle Bewegungen perfekt einstudiert. Sie lächelt nach links, nach rechts, zeichnet mit ihren Händen Gefühle in die Luft, die Windmaschine bläst durchs Haar, sie bedankt sich, ganz am Ende kommen die größten Hits. Diese könnten mit je 30 Millionen Klicks auf Spotify bekannter sein. Aber das werden sie bald auch. Denn Sigrid wurde gerade von der britischen BBC und zahlreichen Musikjournalisten zur größten Hoffnung des Jahres gewählt. 50 Cent, Adele oder Ellie Goulding hatten bereits diese Ehre. Diese Liste ist also nicht eine Art Wahrsagerei aus den Eingeweiden eines Vogels, sondern bei Sigrid stehen jetzt schon alle Zeichen auf Erfolg. Deshalb tritt Sigrid auch beim Eurosonic Festival im niederländischen Groningen auf. Hier überzeugen sich Booker aus ganz Europa von den Newcomern des Jahres. Wie funktioniert das live. Wie viel ist mir das wert? Deshalb gibt es eine Unzahl an Konzerten, eine gut bestückte Konferenz und viele Bars, um über das Geschäftliche zu reden.
Das Eurosonic findet seit 1986 im Jänner in Groningen statt, ganz im Osten der Niederlande. Aus Bremen und Hamburg ist es nicht weit, vom Flughafen in Amsterdam brauchen Züge zwei Stunden zur Studentenstadt. Die Stadt selbst ist klein und beschaulich, das erweist sich als große Stärke. Denn im Unterschied zu europäischen Metropolen sind hier fast alle Bühnen leicht zu Fuß erreichbar, heuer sind es 52 Orte, an denen live Musik gemacht wird. Man geht kaum einmal mehr als eine Viertelstunde, das nächste Konzert ist oft gleich nebenan. Theater, Hinterzimmer, Keller, alte Ballsäle und eigens errichtete Zelte werden für drei Tage zu den Brettern, die das Sprungbrett nach Europa bedeuten können. Besonders freitags am letzten Festivaltag ist die ganze Stadt auf den Beinen, es riecht nach Frittiertem, überall liegt Musik in der Luft. Heuer marschieren ein paar tausend Menschen mit Fackeln durchs Zentrum, sie demonstrieren gegen Fracking, das in der Region regelmäßig Erdbeben auslöst; die Regierung ignoriert das bisher. Das Wetter dazu ist traditionell wechselhaft, das Meer nur ein paar Kilometer entfernt. Kalter Regen, Sonne, Nieseln, heftige Schauer, Hagel und blauer Himmel wechseln sich tschnell ab. Zum Charme von Groningen trägt außerdem bei, dass genau das tausenden Radfahrern offenbar egal ist.

Sigrid bläst schon jetzt der Erfolg entgegen. Die BBC hat sie gerade zur größten Musikhoffnung für das kommende Jahr gekürt. (c) Jorn Baars

Sechs Bands aus Österreich waren heuer beim Eurosonic. Angesichts dessen, dass man dort nicht einmal eine Gage bekommt, sondern nur ein Hotel für eine Nacht und ganze 346 Auftritte von anderen Newcomern stattfinden, muss man sich fragen – warum? Denn in Groningen kann man wirklich leicht untergehen. Oder nicht den Geschmack des internationalen Publikums treffen. Bilderbuch spielten vor drei Jahren im Vera, wo schon Nirvana aufgetreten sind. Ihr Schmäh kam nicht an, viele hatten den Saal während des Konzerts verlassen. Geschadet hat das der Karriere von Bilderbuch allerdings nicht, nur die Bühnen außerhalb des deutschen Sprachraums konnten sie bisher nicht erobern. Ganz ähnlich erging es der Band Ja, Panik, die vor einigen Jahren vom deutschen Feuilleton hochgejubelt wurden. Ihre komplexen, vieldeutigen Texte waren hier fehl am Platz. Am Ende ihres Konzerts war der Raum halbleer.
„Die Situation hat sich geändert“, meint Hannes Tschürtz vom Label Ink Music. „Vor zehn Jahren war das Eurosonic tatsächlich der Schauplatz schlechthin, alle waren neugierig. Heute sind die Vorläufe viel länger, in Wirklichkeit weiß man schon am Festival, wer es schaffen wird.” Heuer ist Hannes Tschürtz mit der Band Cari Cari hier, die Schlange ist wirklich lang, um den traumwandlerischen Country des Duos live zu sehen. „Es braucht vorab schon einen Hype, sonst fährt man besser gar nicht hin“, weiß er.

Ankathie Koi aus Österreich (c) Daniela Janesch/Konvoi

In Groningen sind mehr als 400 Journalisten und mehr als 400 Vertreter von internationalen Festivals zu Gast. 4200 Fachleute kommen zur Konferenz. Das Eurosonic ist damit eines der größten Festivals in Europa seiner Art. Viele Newcomer legen hier den Grundstein ihrer Karriere. Deshalb will ein Konzert gut geplant sein. Wer vorher nicht für die entsprechenden Zahlen auf Facebook, Instagram oder Spotify gesorgt hat, wird sich hier sehr schwer tun. Vor fünf Jahren, als der in Wien ansässige Musiker Sohn von einer der größten Live-Agenturen Europas unter Vertrag genommen wurde, war man vorab gespannt, es gab kaum Infos über ihn, dafür aber drei kolossale Songs, die über ein paar geheime Kanäle anständig promotet wurden. Man kommt also nach Groningen, um Business zu machen und Netzwerke zu pflegen. „Es ist das erste Jahr, in dem ich weniger als 30 Meetings mache“, meint Thomas Heher, Direktor des Festivals Waves Vienna. „Stefan und Susi aus dem Team machen auch viele Termine, in Summe sind es sicher mehr als jemals zuvor. Wir treffen vor allem Booker und Büros, die für den Musikexport zuständig sind.”
Es sind Leute von allen relevanten Booking-Agenturen aus Österreich vor Ort, sie bestücken das Frequency, das Nova Rock oder die Festivals im burgenländischen Wiesen, sie treffen hier befreundete Agenturen, sichern sich exklusive Verträge, besprechen sich mit möglichen Partnern. Auf der Konferenz kann man sich zudem über Trends informieren, Blockchain, Big Data, Green Tech. Das Thema #metoo wird heuer nicht wirklich aufgegriffen. Stattdessen beschäftigte sich ein Podium damit, wie man es schaffen kann, dass mehr Frauen auf Festivalbühnen stehen. Das Eurosonic will in vier Jahren gleich viele Frauen wie Männer sowohl bei den Konzerten wie auch der Konferenz haben. Es bewege sich ohne einen radikalen Schnitt viel zu wenig. Immerhin, die Delegation aus Österreich hat zumindest diese Hürde schon beinahe genommen, bei Avec, Ankathie Koi und Cari Cari stehen Frauen ganz vorne im Rampenlicht.