Wonder Woman

Wonder Woman

Von Rom wurde Maria Magdalena lange als Prostituierte geschmäht, ein überfälliger Film korrigiert dieses toxische
– und faktisch unbegründete – Frauenbild.

Von Stefan Niederwieser

Was würdest du tun, wenn dir jemand sagt, die Toten werden sich erheben und das Königreich Gottes einläuten? Wenn dieser Person ein paar hundert Menschen folgen. Würdest du aufstehen, mit ihnen beten und dich auf die letzten Tage vorbereiten, erst einmal das Familiensilber in Sicherheit bringen, den Verfassungsschutz rufen? Vor rund zweitausend Jahren wurde Jesus Christus für solche Worte ans Kreuz geschlagen. Eine Frau stand ihm dabei nahe, vor zwei Jahren wurde sie von der katholischen Kirche den anderen Jüngern gleichgestellt, auf Wunsch von Papst Franziskus, sie gilt fast allen Kirchen als Heilige, sie war erste Zeugin der Auferstehung, des größten Wunders der Christenheit. Und trotzdem hat Maria Magdalena über Jahrhunderte als Prostituierte gegolten – und das wegen einer niederträchtigen Verwechslung. Es war an der Zeit, einen Sandalenfilm zu drehen, der dieses toxische Frauenbild begräbt.
In der Bibel selbst gibt es keine Grundlage für das, wozu Maria Magdalena über Jahrhunderte gemacht wurde. Sie wird in der Heiligen Schrift öfter erwähnt als die meisten Jünger, ihr zeigt sich Jesus zuerst, nachdem er von den Toten auferstanden ist. Doch Papst Gregor I. meinte im Jahr 591, sie müsse auch jene anonyme Sünderin sein, jene reuige Prostituierte, die Jesus die Füße wusch und mit teurem Öl salbte. Das Bild hielt sich hartnäckig. Eine der wichtigsten weiblichen Figuren des Christentums wurde über Nacht zur Patronin leichter Mädchen. Und das bis heute. In dem Musical „Jesus Christ Superstar“ singt Maria Magdalena noch davon, dass sie schon so viele Männer hatte, auf sehr viele Weisen. In dem kontroversen Film „The Passion of the Christ“ wird Maria Magdalena von Jesus vor ihrer Steinigung gerettet, für die sie wegen Ehebruchs verurteilt wurde. In den Magdalenenheimen fanden 700 Jahre lang Dirnen und gefallene Mädchen eine Zuflucht und Arbeit. Man muss sich diese völlige Umdeutung, die sich durch nichts faktisch begründen lässt, erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Und den Schaden, der dadurch verursacht wurde.

(c) Universal Pictures

In dem gleichnamigen Film, der nun rechtzeitig zu Ostern in die Kinos kommt, ist Maria Magdalena eine eigensinnige Frau, eine, die nicht dem entsprechen will, was ihre Familie für sie vorgesehen hat. Ihr Vater und Bruder versuchen deshalb, ihr mit Folter böse Dämonen auszutreiben, letztlich wird sie verstoßen. Maria Magdalena ist eine Frau, auf die man stolz sein muss, die Gutes tut, die verzeiht, die bedingungsloses Mitleid empfindet und – nachdem sie von ihm getauft wurde – eine besondere Vertrautheit zu Jesus entwickelt. Sie darf auf einem Hügel unter vier Augen mit ihm reden, ein seltenes Privileg. Durch Maria Magdalena soll Jesus zu einer Gruppe von Frauen predigen, sie sagt ihm, er müsse zu ihnen anders reden. Das kann man als Eingeständnis des Films werten, dass in der Kirche lange verabsäumt wurde, Frauen in ihrem Glauben richtig anzusprechen, sie in ihrer spezifischen Situation zu würdigen. An der frohen Botschaft ändert das nicht grundsätzlich etwas. Denn Jesus sagt, selbst bösen Menschen, die vergewaltigen und andere ertränken, müsse man vergeben können, denn sonst verschlingt Hass das Herz. Man muss alles vergeben können, um das Königreich Gottes zu betreten.
Zum Glück kann Jesus seine Predigten mit ein paar Wundern unterstreichen. Als er einen Toten wieder lebendig macht, ist das eindrücklich gefilmt, die Luft zittert, die Musik bebt. Oft bleibt der Film erratisch, Szenen folgen nicht unbedingt logisch aufeinander. Viel eher zeigt er vereinzelte Tableaus aus der Bibel, vieles wird ausgelassen, anderes umgedeutet. So reitet Jesus nicht auf einem Esel in Jerusalem ein, Petrus verleugnet Jesus nicht dreimal, selbst Judas verkauft den Messias nicht für ein paar Silberstücke, er ist ein religiöser Eiferer, dem Jesus nicht weit genug ging, er habe das Königreich Gottes nicht eingeläutet, er habe es hinausgezögert, deshalb verrät er ihn an die römischen Besatzer. Der Kreuzweg wird im Film nur kurz eingeblendet, wichtiger ist die Trauer und die Schwere, als seine Jünger glauben, sie könnten sich in ihm getäuscht haben. Erst Maria Magdalena überzeugt sie, denn sie hat Jesus gesehen, er ist wahrlich auferstanden. Sie ist in ihrem Glauben standhafter als alle Jünger, sie hat schon vorher Sterbenden ein wenig Wasser gebracht, ihnen in der Not geholfen, sie verzeiht sogar Judas. Man spürt den Neid der Jünger und besonders jenen von Petrus, denn sie hat Jesus besser verstanden als die anderen Jünger, sie hätte die Gruppe geschwächt, sagen sie nach seinem Tod. Man wird es ihr zweitausend Jahre lang nicht verzeihen.
Der Stil des Films ist nun etwas eigen. Er ist überlang und gleicht eher einer Meditation statt einer Erzählung. Man sollte sich auf eine spirituelle Erfahrung vorbereiten, auf Dialoge mit Zwischentönen und auf eine sandig-weiche Farbpalette, nicht auf ein kurzweiliges Rodeo durch das wilde Leben von Jesus und seinen zwölf bunten Vögeln. Joaquin Phoenix spielt eine entrückte Hauptrolle, Rooney Mara hat als Maria Magdalena etwas zu feine Augenbrauen und zu gepflegte Haare für eine Person aus derart einfachen Verhältnissen. Sie spielt Maria Magdalena fast unkörperlich, als müsste sie damit über tausend Jahre falscher Anschuldigungen hinfort waschen. Dass ausgerechnet dieser Film in den USA durch den Vertrieb der Weinstein Company eine unsichere Zukunft hat, ist besonders hart. Denn er ist immer noch bitter nötig.