Yeti wird greifbar

Yeti wird greifbar

Kryptowährungen wecken verschiedenste Zukunftsvisionen, die teilweise schon Realität sind, wie eine Public Lecture an der WU Wien verdeutlichte.

Von Elisabeth Hell

„Es ist schon interessant, wie Banken hier weiterhin eine Rolle spielen können.“ – Walter Mösenbacher

Jeder zweite Studierende besitzt Kryptowährungen – zumindest an der Wirtschaftsuniversität Wien, wenn man der Saalumfrage bei der Public Lecture zum Thema Kryptoökonomie glaubt. Viele geben sogar an, dass es ihre einzige Form von Geldanlage ist. „Hätte man vor fünf Jahren 100 Euro auf ein Studentenkonto gelegt, könnte man heute von den Zinsen ein Stück Pizza kaufen. Hätte man damals 100 Euro in Bitcoins investiert, konnte man sich 2018 ein neues Auto kaufen – das zwar genauso schnell entwertet wurde wie ein echter Gebrauchtwagen, aber auch ein Gebrauchtwagen ist für Studenten noch viel Geld“, veranschaulicht Niklas Reisz, Mitglied des Students’ Chapter am Forschungsinstitut für Kryptoökonomie, den Reiz von Kryptowährungen. Neben der Wertentwicklung fasziniert den Studenten aber vor allem die Technologie dahinter und so hat er schon vor Beginn des eigenen Forschungszweiges an der WU gemeinsam mit anderen Kommilitonen Kryptowährungen „gemined“ – also geschürft.
Um die Kompetenzen und das vorhandene Wissen rund um das Thema Kryptoökonomie zu bündeln, hat die WU mit Jahresbeginn das interdisziplinäre Forschungsinstitut eingerichtet. In diesem sind rund dreißig wissenschaftliche Mitarbeiter tätig und ein großer Kreis an Studierenden. „Kryptoökonomie“ ist wenig erforscht und es gibt noch keinen Eintrag auf Wikipedia, wie WU-Vizerektor Stefan Pichler recherchierte: „Aber der Begriff Kryptozoologie wurde mir angeboten. Diese beschäftigt sich mit Tieren, für deren Existenz es nur schwache oder zweifelhafte Belege gibt.“ Pichler erkennt Parallelen und fragt sich, „ob Bitcoin nicht doch ein Yeti ist“. Dagegen sprechen jedenfalls die reale Umsetzung und die hohe Dynamik.
Der Herangehensweise an die Thematik ist unterschiedlich: Während die einen nur Geld verdienen wollen, wollen andere Kryptowährungen als Zahlungsmittel nutzen. Vielen geht es um die Technologie, also um die Erforschung neuer Einsatzmöglichkeiten von Blockchain und Smart Contracts. Alle großen Unternehmen der Welt beschäftigen sich mit Blockchain; in den vergangenen zwei Jahren wurden mehr als 2.400 Patente in dem Bereich angemeldet. Zu guter Letzt sollte auch der Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin zu einem dezentralen Währungssystem nicht ungeachtet bleiben, mahnt der Vizerektor.

Alfred Taudes leitet das Institut für Kryptoökonomie an der WU, das sich umfassend, intensiv und kollaborativ mit Bitcoin & Co beschäftigt. Die neue Technologie hinter den Kryptowährungen biete eine neue Chance, Innovationen in Europa voranzutreiben und im internationalen Wettlauf mitzuhalten: „Das Internet haben wir in Europa ja verschlafen.“ (c) WU Wien (2)

Klassische Währungen haben wichtige Funktionen für Staat und Banken und werden deshalb von Notenbanken geregelt. „Kryptowährungen sind das genaue Gegenteil“, wie der Institutsleiter für Kryptoökonomie, Alfred Taudes, eröffnet: „Die Philosophie lautet oft, Geld ist zu wichtig, um es Banken und Staaten zu überlassen.“ Notenbanken vermeiden im Gegenzug, die Begriffe Krypto und Währung überhaupt zu verbinden und sprechen lieber von Krypto-Assets, wie Walter Mösenbacher, Geschäftsführer der Raiffeisen e-force, weiß. Raiffeisen ist bei Krypto-Assets momentan nicht aktiv – aus Compliance-Gründen. Generell sind Banken nach Lehman und der damit verbundenen Vertrauenskrise vorsichtiger geworden. „Europäische Großbanken schreien normalerweise nie nach Regulierung, aber in diesen Fällen würden wir uns ein gemeinsames Level Playing Field wünschen“, so Mösenbacher. Viele ICOs (Initial Coin Offerings) wären nicht einmal das bedruckte Papier wert, ortet Taudes viele „Shitcoins“.
Eine Unterscheidung, wie sie derzeit von der Schweizer Aufsicht definiert wurde, sei sinnvoll: Die Schweiz differenziert zwischen Zahlungsverkehrstoken, die wie eine Währung behandelt werden und für die Geldwäschebestimmungen gelten, Veranlagungstoken mit Prospektpflichten und Nutzentoken. „Die Schwierigkeit ist, dass die Grenzen verschwimmen. Der Markt ist in Bewegung. Das Blockchain-Thema wird jedenfalls groß kommen“, ist Mösenbacher überzeugt.
Bei Raiffeisen hat eine Arbeitsgruppe zwölf konkrete Projekte definiert, von denen schon mehrere umgesetzt sind. Die Raiffeisenbank in Moskau nutzt Blockchain etwa für Schuldscheindarlehen und die Raiffeisen Bank Aval in der Ukraine als E-Learning-Plattform. In Österreich wird Blockchain für syndizierte Kredite angedacht. Viele Ideen werden auch von Kunden an Raiffeisen herangetragen, so will etwa die Gemeinde Tulln zukünftig Micro-Payments im autonomen Elektrolinienbus über Blockchain und mit Raiffeisen als Partner durchführen. „Es ist schon interessant, wie Banken hier weiterhin eine Rolle spielen können“, sagt Mösenbacher.

Riesendisruption
Die Erwartungen an das – ganz streng genommen – Computerprotokoll sind jedenfalls hoch, das führt zum Hype und erklärt die Preisentwicklung von Bitcoin & Co. Die Experten sind überzeugt, dass dies erst der Anfang einer „Riesendisruption“ ist und erinnern an Facebook und Google, die auch erst nach der Dotcom-Blase groß geworden sind.
Warum sich die WU und andere Forschungseinrichtungen sowie die Industrie und Regulierungsbehörden zum Austrian Blockchain Center vernetzen und sich multidisziplinär mit dem Thema beschäftigen, ist für Taudes einleuchtend: „Das Internet haben wir in Europa verschlafen. Mit der neuen Technologie haben wir nun die Chance, Innovationen in Europa voranzutreiben und im internationalen Wettbewerb mitzuhalten.“
Teil des Ökosystems zu sein, das ist auch die Strategie von Raiffeisen. „Allein kann man die Blockchain nicht erfinden und auch die Investitionen nicht leisten“, erklärt Mösenbacher. Die Raiffeisen Bank International hat sich deshalb auch als erstes österreichisches Mitglied dem Banken-Konsortium R3 angeschlossen. Das globale Netzwerk mit 160 Mitgliedern unterstützt den Austausch und die Zusammenarbeit von Gleichgesinnten, was die Geschwindigkeit, Sicherheit und Anwendbarkeit der eigenen Blockchain-Innovationen steigern soll.
Raum zur Weiterentwicklung besteht jedenfalls: Vladimir Garbeshkov hat im Rahmen seiner Masterarbeit seine Kollegen im Students’ Chapter befragt, welche Probleme und Gefahren sie im Krypto- und Blockchainbereich sehen, dabei fielen die Schlagworte Ineffizienz, Regulierung, Nutzbarkeit, Ungewissheit, Betrug, Volatilität und Spekulation. Transaktionsgebühren und -geschwindigkeit werden derzeit als größte Schwachstelle gesehen. Neue Protokolle könnten diese Probleme aber schon bald beheben.

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