Bilanz 2020

Generalsekretär Dr. Andreas Pangl und Generalsekretär-Stv. Mag. Justus Reichl im Gespräch mit Mag. Edith Unger. 

Dr. Andreas Pangl
Dr. Andreas Pangl

Zeit für einen Rückblick auf 2020: Wie hat sich die Pandemie auf den Österreichischen Raiffeisenverband ausgewirkt?

Andreas Pangl: Natürlich sind auch wir im ÖRV von den notwendigen Einschränkungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben betroffen. Mit Videokonferenzen und Homeoffice können aber die meisten unserer Dienstleistungen weiterhin angeboten werden. Doch was uns allen fehlt ist das Beisammensein, sowohl im Team des ÖRV, aber auch bei Veranstaltungen und Sitzungen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Österreich und international. Gerade bei Raiffeisen hat das ja eine große Bedeutung. 

Justus Reichl: So haben wir in unseren fünf Bereichen Revision, Interessenvertretung, Beratung, Bildung und Kommunikation eben via Mail, Telefon und Videokonferenzen das Menschenmögliche getan, um unsere Mitglieder gut durch die Krise zu begleiten. Aber gerade in seiner Rolle als bundesländer- und spartenübergreifende Plattform von Raiffeisen Österreich steht der ÖRV natürlich auch sehr für Begegnung, für Diskussion, für Austausch „in echt“. Dafür haben sich in den letzten Jahren die unterschiedlichsten Formate etabliert – und je früher die auch wieder live stattfinden können, umso besser! 

Bereits 2019 hat der ÖRV einen Strategieprozess zur Schärfung seines Profils gestartet. Hat es dabei Verzögerungen durch die Pandemie gegeben?

Pangl: Nein, überhaupt nicht! Wir konnten die drei zentralen Projekte wie geplant heuer abschließen. Mit dem Leitbild haben wir unsere Strategie geschärft, mit der Mitgliedsbeitragsordnung konnten wir einen nicht unerheblichen Baustein der Finanzierung des ÖRV sichern und mit der Erweiterung der Geschäftsführung um Justus Reichl wurde die operative Führung den neuen Herausforderungen angepasst. Nun geht es mit der Optimierung der internen Struktur weiter. Wir haben sehr viel Kompetenz im ÖRV, die müssen wir in den internen Arbeitsabläufen noch besser nutzen.

Reichl: Gerade vor dem Hintergrund, dass wir aktuell doppelt gefordert sind – extern durch Corona, intern durch die notwendige Weiterentwicklung unserer Aufbau- und Ablauforganisation –, kommt die Aufteilung in zwei Geschäftsbereiche zur richtigen Zeit. Damit haben wir die Möglichkeit, uns intensiv in die jeweiligen Aufgabenstellungen einzubringen und eng abgestimmt mit den Abteilungen entsprechende Zukunftsschritte zu setzen. Die Richtung gibt dabei unser neues Leitbild vor: „Als innovative Netzwerkplattform setzt der ÖRV bewusst Impulse für neue kooperative Denkansätze, um Effizienz, Nachhaltigkeit und Diversität zu fördern – und lebt diese auch selbst.“ Genau darum geht’s.

Apropos Kooperation. Wie geht’s im neuen Miteinander der beiden Geschäftsführer – frage ich den Jüngeren zuerst?

Reichl: Vorweg, ich habe die neue Aufgabe sehr gern übernommen, weil ich den ÖRV mag und weil ich Raiffeisen insgesamt mag. Sowohl die Grundidee wie auch die vielen Menschen, die diese Organisation Tag für Tag mit Leben erfüllen. So unterschiedlich unsere jeweiligen Hintergründe und Aufgaben auch sein mögen, bei Raiffeisen können wir gut miteinander. Für uns ist das nicht der Idealfall, sondern weitestgehend der Normalfall. Und das gilt konkret auch für Andreas Pangl und mich. Wir können sogar sehr gut miteinander, sowohl fachlich wie auch menschlich. Wir diskutieren. Wenn es sein muss auch heftig. Aber wir haben beide jeweils dasselbe Zielbild vom ÖRV. In Kombination mit Generalanwalt Walter Rothensteiner und unseren Gremien, die uns fordern, und dazu mit unserem tollen Team ist das eine super Basis, wie ich finde. 

Pangl: Ich kann das nur unterstreichen, wir ergänzen uns hervorragend. Nicht zuletzt darum habe ich die Aufteilung der Agenden ja auch selbst vorgeschlagen. Zu den beiden von Justus beschriebenen externen und internen Faktoren gab es für mich aber auch noch einen dritten Auslöser: die Berufung in den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) per Anfang Oktober 2020. Ich will dieses Mandat bestmöglich im Sinne Österreichs und ebenso unserer Mitglieder wahrnehmen – das bindet andererseits aber auch Ressourcen. Eine geteilte Geschäftsführung macht allein schon deshalb Sinn. 

Mag. Justus Reichl
Mag. Justus Reichl

Machen wir einen kurzen Blick auf die fünf Bereiche des ÖRV: Zu Andreas Pangl ressortieren Revision, Interessenvertretung und Bildung. Wie geht es insbesondere am Raiffeisen Campus weiter, der ja in den Lockdown-Phasen seine Präsenz-Veranstaltungen einstellen musste?

Pangl: Zuerst noch: Ich bin sehr froh, sagen zu können, dass die Revision mit ihren Prüfungen auch im Online-Modus funktioniert und absolut im Zeitplan liegt. Das ist nicht zuletzt dank frühzeitiger und professioneller Vorarbeiten im IT-Bereich durch die Mannschaft um Generalrevisor Michael Laminger möglich. Unsere Interessenvertretung im Banken- wie im Agrarbereich wiederum war von Beginn der Krise an in die Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen eingebunden. Eine wichtige Arbeit, die immer unter hohem Zeitdruck steht – als Beispiel seien nur die Regelungen rund um die Kreditstundungen genannt. Darüber hinaus wurden hier aber auch wesentliche Zukunftsthemen vorangetrieben, Stichworte Milchstrategie und Energiegenossenschaften. Und was den Campus betrifft, haben wir dort natürlich viele Veranstaltungen absagen müssen. Inzwischen sind aber alle karrierekritischen und für die Regulatorik relevanten Angebote in den „virtuellen Seminarraum“ verlegt. Eine enorme organisatorische und technische Herausforderung, die das Team aber in kürzester Zeit und mit Bravour gelöst hat.

Die weiteren Hauptaufgaben des ÖRV, Beratung und Kommunikation, liegen im Geschäftsbereich von Justus Reichl. Wie ist das vergangene Jahr hier gelaufen?

Reichl: Unsere Beratungsabteilungen hatten natürlich – wie zuvor schon kurz erwähnt und zusätzlich zum täglichen Geschäft – mit zahlreichen Corona-bedingten Themen zu tun: von arbeitsrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Homeoffice über Unternehmensbewertungen bis hin zum Leitfaden für eine rechtskonforme Durchführung von rein virtuellen Haupt- und Generalversammlungen. Ich denke, da konnten wir unsere Mitglieder vielfach, flexibel und sehr professionell unterstützen. Das gilt auch für die Raiffeisenzeitung, die besonders auch in den Lockdown-Phasen eine ganz wesentliche Kommunikationsplattform im Sektor war – deutlich sichtbar an den vielen regionalen Sondernummern, die 2020 in Druck gegangen sind und nicht zuletzt auch an den stark gestiegenen Nutzerzahlen des e-Paper-Angebots. 

Pangl: Was Corona-bedingt natürlich gelitten hat – darauf haben wir auch eingangs schon kurz hingewiesen – war die Rolle des ÖRV als Kommunikationsplattform im und für den Sektor. Gerade in unserer Verfasstheit als dezentral aufgebaute Gruppe braucht es den inoffiziellen Austausch, braucht es vor wichtigen Beschlüssen die Möglichkeit zur Diskussion. Diesbezüglich war heuer wirklich nur ein Notbetrieb möglich. Leid ist mir vor allem um den Österreichischen Raiffeisentag, der im Juni 2020 in Salzburg hätte stattfinden sollen und in dessen Planung auch vom Raiffeisenverband Salzburg schon viel Vorarbeit investiert wurde.

Reichl: Und der auch Kickoff für unseren neuen Jugend-Schwerpunkt im Rahmen der Initiative „Bewusst Raiffeisen.“ hätte sein sollen. Aber hier war uns schnell klar: Es macht keinen Sinn, mit einem Thema zu starten, für das momentan niemand den Kopf frei hat. Im Hintergrund und gemeinsam mit Vertretern aus den Bundesländern haben wir die Vorbereitungen für dieses gemeinsame Projekt unter dem Namen „Raiffeisen next“ zur verstärkten Gewinnung junger Funktionärinnen und Funktionäre zwar weiter vorangetrieben. Nur wann wir endlich mit der Umsetzung loslegen können werden, das ist noch nicht entschieden. Hier geht’s weniger um Schnelligkeit, vielmehr darum, den richtigen Moment zu finden – und der ist aus heutiger Sicht wohl nicht vor Mitte 2021. Auch verzögert, aber trotzdem noch gut im Zeitplan, liegt übrigens unser Pilotprojekt zur Etablierung von Schülergenossenschaften in Österreich. Aber dazu mehr 202m heurigen Jahr. 

Abschließend noch ein Blick voraus. Mit den Impfungen wird Österreich vom Krisenmodus wieder schrittweise in den Normalzustand zurückgeführt werden können. Wird das nicht mindestens eine so große Herausforderung wie die Pandemie selbst?

Pangl: Das wird tatsächlich eine sehr heikle Phase. Denn wenn alle staatlichen Unterstützungen in einem Schritt zurückgefahren würden, dann droht eine unkontrollierbare Insolvenzwelle. Aus persönlichen Gesprächen weiß ich aber, dass dies der Politik durchaus bewusst ist und man hier auch entsprechende Übergangsmaßnahmen überlegt. Eines ist aber sicher: Der Digitalisierungsschub, den die Krise notgedrungen ausgelöst hat, wird unsere Arbeitswelt nachhaltig verändern, auch im ÖRV, auch bei Raiffeisen. Was uns als Raiffeisen-Familie aber insgesamt positiv stimmen kann: Jüngste Ergebnisse einer österreichweiten Umfrage des ÖRV zeigen, dass Raiffeisen und Lagerhaus, aber auch Genossenschaften generell, sehr stabil liegen und hohes Vertrauen genießen. Dass man ihnen hohe Bedeutung zumisst und sie als verantwortungsvolle Player in den Regionen wahrnimmt.

Reichl: Insgesamt bemerken wir hier Zustimmungswerte, die im Februar 2020 – also noch vor Corona – schon sehr gut waren und die bei einer weiteren Befragung Ende August – kurz nach der ersten Welle der Corona-Pandemie – nochmals höher lagen. Besonders erfreulich sind die Ergebnisse im Blick auf Raiffeisen, Lagerhaus und Genossenschaft übrigens gerade in der Generation der unter 35-Jährigen. Wenn wir uns also in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Thema „Bewusst: Raiffeisen.“ beschäftigt haben, dann sollten wir wohl gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Umstände noch hinzufügen: Bewusst: Raiffeisen? – Wann, wenn nicht jetzt! Und für wen, wenn nicht auch für die „Generation next“!